Blatt Zehn: Jakarta

20. November 1990

Eine weitere fast schlaflose Nacht. Heiß und stickig; schweißgebadet liege ich unter dem Moskitonetz. Im Ohr die aggressiv hohen Summtöne der Moskitos. Beim Morgengrauen stehe ich auf, fühle mich zerschlagen. Keine Mandi. Nur die dünnen Strahlen der Dusche rinnen mir den Rücken hinab. Keine Abkühlung. Mein heißer Körper erwärmt das Wasser. Das Kamar mandi, ein weiterer fensterloser Raum. Feucht. heiß, stickig.

Ich flüchte aus dem Hotel. Draußen ist es so früh am Morgen noch angenehm kühl. Es regnet. Den Vormittag verbringe ich mit Preisvergleichen. Der Flug nach Singapore wird teuer. Nicht unter 300 DM zu haben. Ich kaufe das billigste Ticket, inklusive Wartezeit. Abflug Sonntag Abend. Ankunft Nachts. Wieder zu wenig Zeit, ein preiswertes Hotelzimmer zu bekommen. So spät am Abend.
Den restlichen Tag hänge ich in der Jl. Jaksa ab. Frustriert. Langeweile. Ich wechsele von einem Restaurant ins nächste, laufe zwischen Hotel und Restaurants hin und her, bin unruhig. Warte auf das Ende des Tages. Jeder verstrichene Tag ist ein unerwünschter Tag weniger. Die Zeit zieht sich in die Länge. Ich versuche zu lesen, um die Zeit totzuschlagen. Kann mich auf die indonesischen Texte schlecht konzentrieren, finde mich nicht zurecht, grübele und sitze einfach nur herum. Warte.
Etwas unternehmen. Das wäre eine Lösung. Sight-Seeing in Jakarta. Aber ich bringe die Energie nicht auf, Zu heiß, zu stickig von den Abgasen der Autos, die mir das Atmen schwer machen. Kein Wind, nicht die leichteste Brise in der Luft. Nur stillsitzen. Lethargie ergreift mich.
Motivation am Nullpunkt. Wünsche die gesamte Bürokratie mit ihrem Ausländerscheiß in ein schwarzes Loch. Welch ein Segen könnte man die Regelung seiner Angelegenheiten in die eigenen Hände nehmen. Grenzen, Nationen, Ideologien. Schwachsinn. Ich frage mich, was ich eigentlich hier will, wo man mir so viele Steine in den Weg legt werden. Warum unterstützt man mein Interesse an diesem Land nicht mehr. Bereitet mir Schwierigkeit auf Schwierigkeit. Ich erwarte keinen roten Teppich erwarte, aber auch kein bürokratisches Hindernisrennen. Aber ich weiß, was ich bin. Der Enkel von Kolonisatoren, Ausbeutern, Maden in Speck der Tropen, die sich mit überlegender Technologie hier Jahrhunderte breit machten. Da ist Vorsicht angebracht. Kontrolle. Beschränkung und die lange Leine. Mindestens.
Mein Anspruch ist ein anderer. Aber auch das Ergebnis. Wer profitiert von meinem Forschungsprojekt? Gelingt mir ein weiterer Stein zum Puzzle indonesischer Kultur? Wie dem auch sei, die Welt braucht interkulturelle und interdisziplinäre Projekte wie meines. Gerade wegen einer imperialistischen Vergangenheit. Davon profitiert auch Indonesien. Verständigung und Kooperation. Böse Gedanken überwältigen mich. Zynismus als Abwehr. Man paranoiden Bürokraten ohne kulturelle Kompetenz Entscheidungen, die kein Interesse an Dingen haben, die jenseits ihrer Schreibtischkante geplant werden. Menschen die von nichts Anderem etwas verstehen, als ihre Vorschriften umzusetzen. Ich verliere den Blick für die Realität. Die feuchte Hitze in Jakarta verdampft mein Gehirn. Ich reagiere meinen Ärger ab. Weiß sehr wohl, dass ich nicht hier wäre, wenn ich nicht viele Fürsprecher und Unterstützer hätte, die mein Anliegen verstehen und begrüßen. Emotional betroffen reagiere ich ungerecht. Aber es ist auch richtig, dass unflexible Bürokratien neue Trends behindern. Und da bildet die indonesische Verwaltung keine Ausnahme. Da erscheint sie mir sehr preussisch. Europäisch.

Beim DAAD lässt man sich auf solche Diskussionen erst gar nicht ein. Sie reagieren ausweichend, entschuldigend. Sie seien neu hier. Die indonesische Bürokratie habe sie bisher noch nicht wirklich wahrgenommen. Ich finde, ein trauriges Bild für eine Abteilung der deutschen Botschaft in Jakarta. Herr Glimm will dieses Problem nun endlich angehen. Ich fühle mich als Versuchskannichen. Wie oft hat er das schon gesagt? Findet er nicht mehrden Weg aus seinem vollklimatisierten Büro. Das Telefon scheint seine einzige Kommunikationsader in die indonesischen Außenwelt. Bei Mochtar Lubis lese ich: Der Indonesier sei davon überzeugt, dass es unhöflich ist, mit einem Orang Pembesar telefonisch zu verkehren. Persönliche Präsenz und die je nach Bedeutung und Einfluss, Macht, des Großen Mannes unterschiedlich lange Wartezeit werden als selbstverständlich hingenommen. Sie der zu entrichtende Preis für die verlangte Aufmerksamkeit. Weiß Herr Glimm das nicht? Ständig heißt es beim DAAD, man müsse erst diesen oder jenen bei anrufen. In meinem Fall hat er damit wenig erreicht.

>Heute morgen wieder im DAAD. Ich erkundige mich nach der Adresse des Kantor Imigrasi. In meiner mentalen Lähmung habe ich gestern nicht darauf geachtet, wo wir ich m it Ibu Yanti hinfuhr. Sie führte mich heute morgen gleich zu Herrn Glimm, der mit mir reden müsse. Dieser hatte inzwischen entschieden, erneut mit LIPI zu telefonieren, damit dort die Entscheidung, ich müsse nach Singapore, aufgehoben werde. Jetzt, da der Kantor Imigrasi eingeschaltet ist, jetzt, da der bürokratische Apparat in Bewegung gesetzt ist, jetzt will Herr Glimm das Rad herumdrehen. Irgendwie tut er mir plötzlich leid. Das Telex nach Singapore ist wahrscheinlich schon in Bearbeitung. Eine Akte ist angelegt, eine Nummer vergeben. Ich hatte mein Ticket nach Singapore in der Tasche. Was denkt sich dieser Mensch sich eigentlich? Morgen Mittag, so Herr Glimm, solle ich ihn anrufen. Vielleicht gebe es Neuigkeiten.

Am Abend schreibe ich ein Gedicht. Versuche mich linkisch in einer fremden Sprache. Suche Vertrautheit im fremden Idion. Lege mich emotional in fremde Laute und Worte:

Hari-hari di kota besar

Rindu dalam hati saya
Desa di Bali jauh sekali
Dingin dan segar cuacanya
Enak sekali pada rasa saya

Keberangkatannya tidak mungkin cepat
Kota Jakarta baru mendekati hati saya
Panas dan ramai mata-matanya ingin tahu
Tidak senang pada hati saya

Yang saya cintai sekarang di Ubud
Tinggalnya mereka kegembiraannya di situ
Tinggalnya saya penun kesepian di kota besar
Kerinduan ke Ubud desa yang enak pada rasa saya

Beim Schreiben des Gedichts ein heimlicher Moskitoangriff. Beinahe Quadratzentimeter meines rechten Unterarms sind zerstochen. Eng nebeneinander liegend zähle ich 71 Einstiche. Kann eine einzige Mücke so oft stechen. Gargantua in Jakarta. Ich zweifele. Welche andere Ursache ist denkbar. Die Stiche sehen nach Moskitos aus. Jucken auch wie Moskitostiche. Fein säuberlich hat die Mücke ihre Einstiche in drei parallelen Reihen angeordnet. Eine stark juckende, geschwollene und rote Quaddel. Eckelhaft. Furcht vor Malaria dringt an die Oberfläche. Sonnenuntergang.

Wieder Anmache. Diesmal eine der Jl. Jaksa typischen Prostituierten. Sie lockt mich mit Candys. Die Hexe im Märchen. Nicht mein Typ.

21.November 1990

Endlich schlafe ich durch. Gewöhne mich an die heiße und stickige Luft im Zimmer. Knapp fünf Quadratmeter. Bewegungen werden zu Balanceakte. Zum Sitzen zwischen Tür und Koffer ein arschgroßes Stück Boden. Durchgeschlafen heißt in diesem Klima nicht ausgeruht. Die Erzählungen und Romane von George Orwell, Joseph Conrad, Somerset Maughan fallen mir ein. Die Helden ihrer Romane drängen sich mir auf. Tauchen aus den tiefen jugendlicher Schwärmerei ins Bewusstsein. Literarisch bekannte Schwierigkeiten. Es braucht Jahre der Anpassung an das feucht-heiße Klima der tropischen Niederungen. Kann der europäisch Körper das überhaupt schaffen. Wie beneide ich die kaum schwitzenden Indonesier. Wünsche mich in eine dunkle Haut.

Ein ereignisloser Tag- Kaum Aktivitäten. Kaum aus der Jl. Jaksa herausgekommen. Ich hänge durch, wehre mich nicht in Selbstmitleid zu zerfließen. Erwarte den Donnerstag und den nächsten Schlag.

Zwei Telefonate mit Herrn Glimm bringen nichts Neues. Keine Veränderung der Situation. Telefonisch sei nichts zu erreichen. Ibu Murtini, der zuständigen Sachbearbeiterin bei LIPI sind die Hände gebunden. Herr Glimm versucht sich in Ausflüchten. Schimpft auf die blöden Kerle bei LIPI und vertröstet mich auf den nächsten Tag. Ich fühle mich wie ein Fisch auf dem Trockenen. Singapore wird immer wahrscheinlicher.

Mittags verstärken sich meine Muskel- und Gelenkschmerzen unübersehbar. Ich kann sie nicht mehr ignorieren. Habe wohl Heidruns Grippe mit nach Jakarta genommen. Die heimtückischen Viren nutzen meine desolate psychische Verfassung aus und entern mein Immunsystem. Macht nichts! Passt gut zusammen. Was kann ich in einer Pechsträhne Anderes erwarten. Noch mehr Pech.

Am Abend schaffe ich es mich zu überwinden und beginne den zweiten Teil meines Tagebuchs. Stelle die Daten zusammen. Eingefrorene Erinnerungen für spätere Berichte an den DAAD. Will mit Kritik nicht geizen. Zu viele Zumutungen. Ich wittere Schlamperei auf gut bezahlten Positionen. Auch für Heidrun und Kassandra diese Aufzeichnungen. Ich werde nichts vergessen. Schreibe Briefe nach Deutschland.

22.November 1990

Meine Quaddel am Arm ist zurückgegangen. Bei jeder Berührung kaum erträgliches Jucken über den ganzen Unterarm. Völlig überreizte Nervenenden.
Grippe. Keine Änderung. Ein schlechter Allgemeinzustand. Zerschlagen und erschöpft. Ich zähle die Nächte. Noch drei bis Sonntag. Dann wenigstens ein Ortswechsel Erzwungene Bewegung. Durchbrechen meiner Lethargie. Jede überstandene Nacht ein persönlicher Sieg, der mich Bali näher bringt. Und Timor. So muss es dem Gefangenen gehen, der sich fort wünscht und jeden verstrichenen Tag als Strich an der Zellenwand festhält. Vielleicht sollte ich eine der Wände meines Hotellochs mit solchen Strichlisten verschönern.

Heute morgen regnet es. Das kräftig niedergehende Gewitter kühlt und säubert die Luft, durchnässt mich bis auf die Haut. Ein kühler Wind. In den nassen Kleidern wird mir schnell kalt. Ein willkommenes Gefühl. Könnte es nur immer weiter regnen. Naive Wünsche während ich auf der Terasse eines Restaurants im Trocknen sitze. Ich schaue auf die Regenwand, die sich barmherzig auf Jakarta legt.
Kinder spielen im Regen. Assoziationen. As Tears Go By! Kinder mit vergnügt blitzenden Augen. Ausgelassen toben und baden sie in den schnell die Straße herabfließenden Bächen Die Abkühlung der Luft hält nur kurz an. Schon bald ist die vom Himmel gefallene Dusche verdunstet, die Jl.Jaksa kein knöcheltiefer Bach mehr, die Kinder verschwunden. Der nächste feuchtschwüler Tag in Jakarta ist angebrochen.

Den Morgen verbringe ich mit Warten. Nicht auf den Abend und die Nacht. Auf den Mittag. Auf 2.00 Uhr und meinen Termin beim Kantor Imigrasi.
Wir Europäer sind wirklich Langnasen. Darin haben die Balier recht. Mit Muße betrachte ich die zahlreichen Touristen, die hereinkommen, in Eile frühstücken, gestärkt ihr Tagesprogramm antreten. Besichtigungen. Lihat-lihat saja! Merkwürdig. Wie außergewöhnlich lange, scharf geschnittene und schmale Nasen sind darunter. Messerschneiden. Der Balier bevorzugt kleine, flache und breite Nasen. Schönheit, die im Auge des Betrachters liegt.

Pünktlich um 14.00 Uhr im Kantor Imigrasi. Pak Norman erkennt mich sofort wieder. Mir bleibt Suchen und Fragen erspart. Ich erinnere mich nicht an ihn. Hätte ihn nicht wieder erkannt. Er sucht, fragt nach. Meine Akte ist noch nicht bearbeitet, das Telex noch nicht auf dem Weg nach Singapore. Pak Norman hängt den Chef heraus, scheißt die zuständige Sachbearbeiterin zusammen. Ein neuer Akt einer Vorführung für mich?
Auf die Schnelle unterschreibe ich einige Formulare. Blanko. Nicht wirklich wissend, was ich da unterschreibe. Wieder Passkopien- Mir scheint, man will mich beeindrucken. Angeblich fehlen noch Unterlagen. Ich soll annehmen, alles laufe korrekt. Man will mir nicht den Eindruck vermitteln, ich sei umsonst gekommen. Dann die Auskunft, besok lagi. Morgen um 10.00 Uhr soll ich wiederkommen. Dann sei alles fertig. Mein Hinweis auf das Flugticket für Sonntag beantwortet Pak Norman mir einer abwehrenden Handbewegung. No Problem! Kommentiert er diese. Ich werde sehen.

Zurück in der Jl. Jaksa. Ein Anruf im DAAD. Herr Glimm sei auf einer Konferenz, so Ibu Yanti. Ich solle um 15.30 Uhr wieder anrufen.
Um 16.00 Uhr erreiche ich Herrn Glimm. Er habe inzwischen mit Ibu Murtini gesprochen. Es wird immer komplizierter und unüberschaubarer. Die Zusage des inzwischen verstorbenen Pak Hainald an Elfi Erdmann, mein Sosial-Budaya-Visum in eine Aufenthaltsgenehmigung umzuwandeln, könne unter gewissen Umständen realisiert werden. Ibu Murtini habe ihm einen Kompromiss angeboten. Ich solle eine nicht näher definierte längere Wartezeit in Jakarta in Kauf nehmen und einen höheren Geldbetrag zahlen. Sie werde dann einen neuen Brief an den Kantor Imigrasi schreiben. Die längere Wartezeit sei notwendig, da einige höhere Beamte, der Minister sogar, gegenzeichnen müssten. Inoffziell erfuhr Herr Glimm auch die Höhe der zusätzlichen Gebühr. 200000 Rupiah.
Wartezeit vage, Gebühr vage. Ein dürftiges, vages Resultat. Ich gebe meinen Widerstand auf, beuge mich. Zu viel Energie für ein lausiges Ergebnis. Am Sonntag reise ich nach Singapore aus. Der umständliche Weg, ohne Korupsi. Mit dem Visum Berdiam Sementara kehre ich dann nach Jakarta zurück. Alles Weitere erledigt sich nach der Rückkehr leicht. Hoffe ich.
Herr Glimm kennt den weiteren Verlauf des Procedere nicht. Es liegen keine Erfahrungen vor, lautet seine lapidare Antwort. Wieder fühle ich mich wie der erste Stipendiat. Ich wundere mich. Auch von den deutschen Beamten in Jakarta gibt es keine verbindliche Auskunft. Akkulturation. Orientalisierung.

Ich führe alle meine Telefonate vom WARPARPOSTEL (Warung Telepon). Ein Mini-Kantor-Telepon. Guter Service für alles Mögliche. Astreine Connections. Inzwischen bin ich ein gern gesehener Stammkunde. Scherze, und kleine Flirts. Die öffentlichen Telefone und die Münztelefone in den Hotels sind unzuverlässig und ständig gestört.

Lege mich gegen 17.00 Uhr hin. Aufgestanden bin ich nicht mehr. Immer noch krank und ohne Energie.

23.November 1990

Vierzehn Stunden im Bett. Gedöst. Fieberträume. Kaum geschlafen. Die ganze Nacht juckt mein rechter Arm. Kratzen! Kratzen! Kratzen! Es kostet Mühe meinem Impuls nicht nachzugeben. Jeder Luftzug, wenn es ihn gibt, jede Berührung des Betttuchs löst Juckkaskaden aus, die den ganzen Arm entlanglaufen. Ein Kribbeln bis hinab in die Fingerspitzen.
Die morgendliche Inspektion erschüttert meine Diagnose Moskitostiche. Rötung und Schwellung sind mittlerweile rückläufig. Der Juckreiz ist geblieben. Genau betrachtet finde ich kleine, harte Pickel. Mit Eiter gefüllt. Heute sehen sie aus wie Heidruns Impetigo. Allerdings kleiner, eine zusammenhängende Fläche. Keine Ahnung was ich mir eingefangen habe.

Ein flüchtiges Frühstück. Ein Anruf bei Ibu Murtini bei LIPI. Ein Rat von Herrn Glimm, den einzig wirklich guten, den er mir gab. Ich bedanke mich bei ihr für ihre Hilfsbereitschaft und ihr Entgegenkommen, teile ihr mit, dass ich nach Singapore gehen werde, da mich Frau und Tochter schnell in Bali zurück erwarten. Ibu Murtini versteht und kommt mir erleichtert vor. Freut sich über meinem Anruf. Ich hoffe, meine Höflichkeit nutzt mir bei den letzten Schritten nach meiner Rückkehr.
Ich gehe ins Hotel zurück. Ziehe mich um. Offizielle Anlässe verlangen auch in Indonesien offizielle Kleidung. Fieber und Schweißausbrüchen am laufenden Band.

Mit dem Bajaj ins Kantor Imigrasi. Treffe Pak Norman wieder im Flur. Der verweist mich mit einem knappen tunggu dulu auf eine der harten Holzbänke im Flur.
Erinnerungen. Mein fünfter Besuch in einem Kantor Imigrasi. Zum ersten Mal in Surabaya. 1980. Mein Touristenvisum war abgelaufen und konnte um vierzehn Tage verlängert werden. Zehn Jahre später in Denpasar. Verlängerung Visum Sosial Budaya. Nun zum dritten Mal in Jakarta. Liegt es meiner desolaten körperlichen Verfassung oder an einer charakteristischen Atmosphäre. Ich fühle mich wieder hilflos und ohnmächtig. Ausgeliefert an eine undurchschaubare Bürokratie.

Pak Norman ist hilfsbereit und liebenswürdig. Väterlich. Es sind wohl die Uniformen, die ernsten Gesichter, deren Ausdruck ich nicht interpretieren kann. Es liegt an den langen Fluren, den vielen Türen ohne Namensschild und Zimmernummer. Am kalten Neonlicht. An den vielen Menschen, die ständig durch diese Türen ein- und ausgehen. Anliegen und Funktion nicht erkennbar. Sind sie Beamte oder Besucher wie ich? Es liegt am Warten, daran, dass sich die Zeit hier endlos dehnt. Und an der Ungewissheit, dass niemand sagt, was als Nächstes geschieht. Immer heißt es nur: Warten Sie! Holen Sie dieses Formular, füllen Sie jenes aus. Warten Sie! Gehen Sie dort hin! Kommen Sie wieder! Was wirklich passiert, hinter den Türen, bleibt im Dunkel verborgen. Ich fühle mich als Marionette. Agiere nicht, reagiere. Gedanken an Kafka, der genialen Kritiker entpersönlichender Bürokratie, in diesen Fluren. Die Undurchschaubarkeit und Anonymität im Kantor Imigrasi belastet mich. Trotz Pak Normans freundlichem Lächeln. Das steigende Fieber strengt mich an. Das Holz der Bank drückt mir hart in den Rücken.

Anderthalb Stunden Grübeln und Warten. Plötzlich geht alles schnell. Ein Aufruf, Pak Herbert, 24.000 Rupiah, eine letzte Unterschrift auf ein unklares Schriftstück. Noch hastige Fragen. Niemand hat mehr Zeit. Ich halte die Fotokopie des Telex nach Singapore in der Hand.
Endlich! Es geht voran, wenn auch zuerst nur nach Singapore. Schlagartig Euphorie. Ich fühle mich besser. Optimismus zieht am Horizont auf. Die übrig gebliebenen Reste. Vielleicht wirkt das Aspirin und drückt das Fieber um einige Grade.
Den Rest des Tages verbringe ich wieder im Bett. Krank. Gegen Abend zieht das Fieber wieder an.

24. November 1990

Heute stieg das Fieber auf fast vierzig Grad. Keine Alternative. Ich verbringe den Tag im Bett. Seit Freitag Nacht Diarrhoe, die mir die nächsten Tage erhalten bleibt. Ich scheiße meinen ganzen Widerwille, meine Abneigung gegen Jakarta einfach aus. Der Stress mit den Behörden, meine Enttäuschung, haben sich endgültig in Krankheit manifestiert. Können so abreagiert werden, lähmte mich aber auch.

25. November 1990

Auch heute kein Grund zur Freude. Ich bin genauso krank wie gestern. Dafür aber mit Packen beschäftigt. Singapore. Mein Flugtermin am Abend. Kann ich das teure Taxi sparen und mit dem Bus zum Sukarno-Hatta fahren? Eine mehrstündige Fahrt? 20.000 Rupiah zahlen oder meine letzten Energiereserven plündern.

Ein mattes Gefühl in beiden Beinen. Das Packen in dem engen Zimmer gestaltet sich mühsam- Spielt sich fast nur auf dem Bett ab. Als ich fertig bin, ist der Vormittag vorbei.
Kurz entschlossen nehme ich den Bus zum Flughafen. Mit meinem Koffer in der Hand verlasse ich das Hotel. Kaum auf der Straße bietet man mir eine Fahrt zum Gambir-Bahnhof an. 2.000 Rupiah. Der Preis ist in Ordnung. Bajaj. Ich reagiere nicht, will nicht reden, sondern nur schnell fort von hier. Für 10000 Rupiah zum Flughafen. Das nächste Angebot des Bajaj-Fahrers. Er braucht nicht viel Mühe. Ich bin überredet. Steige mit einem mulmigen Gefühl in den Wagen. Halte mich für leichtgläubig,bin aber froh im Schatten zu sitzen. Hoffe am Flughafen anzukommen. In einer Rekordzeit von fünfunddreißig Minuten und in halsbrecherischer, rücksichtsloser Jagd geht es durch das mit Autos verstopfte Jakarta. Viel zu früh am Flughafen. Frierend und fiebernd warte ich stundenlang in der Air-Con-Wartehalle. Keberangkatan Internasional.

Mein Durchfall, tablettenkontrolliert. mein Fieber ebenfalls. Meine Krankheit hält sich in Grenzen. In durchhängenden Sesseln entdecke ich Brahms Violionkonzert neu. Sonst ereignislose, gedehnte Zeit vor einem Abflug. Endlich der Aufruf. Flug KL 639 nach Singapore.

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