Blatt Elf: Jakarta

29. November 1990

Zurück aus Singapore. Eine Stippvisite. Sonntags hin. Alles erledigt. Dienstags schon wieder zurück in Jakarta. Wieder einigermaßen gesund.
Jakarta hat sich nicht verändert. Woher auch! Auch meine Abneigung gegen die Stadt ist die alte geblieben. Für mich ist sie immer noch zu heiß und zu stickig. Viel zu viele Moskitos. Ich bin zurück in der Jl. Jaksa, der abgefuckten Travellerfalle. Wo auch sonst. Versuche das Bloemsteen ein zweites Mal. Es gehört zu den billigsten Absteigen. Ohnehin alles der gleiche Standard. Gleich heiß, gleich eng.
Keine Motivation, irgendetwas Anderes zu tun, als das Behördenkarussel zu Ende zu bringen. Den
Rest der Zeit im Bett verbringen, zu dösen, zu schlafen, mich zu erholen. Ich schaffte es so gerade, die Gänge zum Konsulat zu absolvieren. Mich anzuziehen, in ein Taxi steigen. Ich mache mir keine Illusionen.

30. November 1990

Früh am Morgen. Wieder eine Jakarta-typische Nacht. Weitgehend schlaflos verbracht. Melde mich bei LIPI zurück. Ibu Murtini befinde sich in einer Konferenz. Wo auch sonst! Vor eins am Mittag sei sie nicht zu sprechen.
Auf dem Weg zur Jl. Gatot Subroto schaue ich beim DAAD rein. Um zu berichten. Hoffe auf Neuigkeiten, Informationen über den ominösen Stempel in meinem Pass. Neuigkeiten gab es. Aus Bonn. Die Hauptstelle des DAAD fragt nach meinem Verbleib. Aber es gibt nichts Neues.

Ich muss mich innerhalb von drei Tagen bei der örtlichen Einwanderungsbehörde melden. So steht es in meinem Pass. Das Visum muss aktiviert werden. Ich bin beunruhigt. Auch beim DAAD ist man überfordert. Niemand weiß mit der Drei-Tage-Frist etwas anzufangen, hatte auch nur von der Existenz eines solches Stempels je gehört. Herr Glimm wirkt hilflos, macht auf mich den Eindruck eines alternden Beamten. Fühlte sich belästigt und gestört. Jemand, der auf vorgeschobenem Posten bei Air-Con und lockeren Gesprächen eine ruhige Kugel schieben will. Sein Gnadenbrot genießen. Alles was ihm einfällt, ich solle im Kantor Imigrasi nachfragen. Lapidar. Keine Unterstützung. Beratung schon gar nicht. So viel habe ich inzwischen auch schon gelernt. Beim DAAD ist man mich aber erst einmal wieder los. Niemand bietet mir etwas zu trinken an. Keine willkommene Erfrischung, die die Hitze etwas lindert. Ich könnte zu lange bleiben, zu viele unangenehme Fragen stellen. Mit meiner Unsicherheit und meinen Schwierigkeiten will niemand konfrontiert sein.
Papiere, Berichte, abstrahierte Essenz, aller persönlichen und emotionalen Berührungen entkleidet, das wollen sie. Diese Art Unterstützung leistet der DAAD. Sie schicken mich vor, die Wege auszutreten, Informationen sammeln. Ihnen alles säuberlich auf einem goldenen Tablett überreicht. Warum muss ich deren Arbeit tun. Sie müssen wissen was zu tun ist, die Wege bahnen, die Kontakte herstellen. Es ist ihre Aufgabe, die notwendigen Informationen zu sammeln, die notwendigen Schritte einzuleiten, alle beteiligten Stellen aufzusuchen, alle notwendigen Gespräche zu führen, um aufgrund dieser Erfahrungen DAAD-Stipendiaten zu betreuen.
Aber es funktioniert anders, als ich erwartet habe. Umgekehrt. Ohne Ortskenntnis, mit knappen finanziellen Mittel, fremd in dieser chaotischen Stadt, eine Privatperson, ohne den Schutz einer Behörde bin ich auf einer Odyssee durch die Kantore. Immer wieder Ausflüchte. Sehr beliebt: Bei den indonesischen Behörden bekommt man keine verbindliche Auskunft. Und das vom geschäftsführenden Direktor des DAAD in Jakarta, offizieller Vertreter der deutschen Regierung.
Ich irre nun seit vierzehn Tagen von einer Behörde zur nächsten, Formularen, Unterschriften und Stempeln
hinterher. Ich fühle mich wie die verirrte Katze in der Kanalisation, im Dunkeln hin- und hergestoßen, orientierungslos, im Unklaren, blind, taub und halbwegs stumm. Falle immer wieder auf die Füße und erwische die fette Ratte doch nicht. Umständlich langsam, kräfte-, zeit- und geldraubend. Aber ich erreiche mein Ziel. Auch ohne den DAAD.
Es ist zu wenig, wenn die Außenstelle des DAAD in Jakarta nicht mehr zu bieten hat, als über ihre indonesischen Kollegen zu schimpfen, die ihre Arbeit tun. Kulturspezifisch eben anders. Diesen Unterschied transparent zu gestalten, für Stipendiaten ohne eigene Erfahrung zu überbrücken, darin sehe ich die wichtigste Aufgabe dieser Behörde. Was nutzen die Lippenbekenntnisse eines Herrn Glimm: Es muss langsam etwas geschehen. Es geht nicht an, wie die indonesischen Behörden mit unseren Stipendiaten umgehen. Aber, so lamentiert er, wenn man bedenkt, wie wir mit den indonesischen Studenten in Deutschland umgehen. Darüber weiß ich nichts und das entzieht sich auch meiner Verantwortung.
Ein Herr Glimm will Berichte, Verlaufspläne, akribische Beschreibungen der Stationen meiner Odyssee. Diesen wird er bekommen. Später.An die Adresse seiner Hauptstelle in Bonn.
Ihren Bericht solle sie zu gegebener Zeit bekommen.

Während meiner vielen Besuche im DAAD erfuhr ich von anderen Stipendiaten des DAAD in Jakarta. Bemühte sich jemand darum, Kontakte herzustellen, einen Erfahrungsaustausch zu organisieren? Nein. Jeder von ihnen, wie ich, ein Ein-Mann-Versuchskannichen. Ich kann dieses Desinteresse nicht verstehen. Wir sind keine lästige Nebenerscheinung völlig anders gearteter Verpflichtungen des DAAD.

>Den Weg zum Kantor Imigrasi quer durch Jakarta. Zur Jl. Cikini Raya. Dort geht alles schneller als erwartet. Sie seien nicht zuständig, höre ich. Ich muss ins Kantor Imigrasi Jakarta-Pusat, da ich in der Jl. Jaksa untergekommen bin. Die seien zuständig. Ins nächste Bajaj, quer durch die verstopften Strassen der Megapolis in die Jl. Teuku Umar. Aber auch dort erfolglos. Ich erhalte weder eine befriedigende Auskunft noch einen anderen Stempel. Zuerst müsse ich zu LIPI, dann zur Polizei. Dort bekäme ich entsprechende Schreiben mit denen es dann weiterginge. Ich werde sehen, versuche die Geduld zu bewahren und meinen Ärger auf den DAAD nicht gerade jetzt frei zu lassen. Abgeschoben, hin- und hergeschickt. Uniformiert und hilflos.
Endlich ein freundlicher, hilfsbereiter Bapak, der bereit ist, mir weiterzuhelfen. Ihn amüsiert mein holpriges Indonesisch. Akrobatik köstlich, was er mit einem breiten und sympathischen Lächeln quittiert. Voll Verständnis für meine Schwierigkeiten. Mir tut das gut. Ich verzeihe allen anderen. Seinetwegen. Trotzdem komme ich wieder nicht weiter.

Zurück in den DAAD. Außer Kaffee und Small-Talk ist nichts passiert. Warten auf 13.00 Uhr. Auf einen Anruf bei LIPI. Draußen prasselt das tägliche Gewitter auf Straßen und Dächer.
Dann der Anruf. Ibu Murtini kommt heute nicht mehr in ihr Büro. Ich solle mich an Pak. Sanjoyo wenden, der mich umgehend zu sich ins Büro bestellt. Es gibt weitere Formulare auszufüllen. Ich soll in der nächsten halben Stunde bei ihm sein. Es sei Samstag Mittag und er habe dann Feierabend. Wochenende wie zu Hause.
Kaum möglich, es in einer halben Stunde mit dem Linienbus in die Jl. Gatot Subroto zu schaffen. Rush-Hour. Mittagszeit. Kein Angebot vom DAAD mich mit dem Dienstwagen hin zu fahren. Der parkt unbenutzt vor dem Haus. Ich hetze los. Draußen umfängt mich die noch regennasse Luft und mein Hemd klebt fast sofort am Körper.
Öffentlicher Bus. Linie 604. Den nächsten schweißtreibenden Behördengang vor Augen. Ich fahre mit dem gleichen Bus wie immer. Plötzlich biegt dieser auf die Stadtautobahn. Ich kann gerade noch den langsam fließenden Verkehr nutzen, um herauszuspringen. Die halbe Stunde ist verstrichen. Ich stehe mitten auf der Strasse, weiß nicht genau wo LIPI ist. Hektisch stoppte ich das nächste Taxi, nur um festzustellen, dass ich nur fünfhundert Meter vor meinem Ziel eingestiegen bin. Der Taxifahrer staunt. Stress und Hektik trüben meinen Verstand.

Wieso kennt beim DAAD niemand den netten und kooperativen Bapak Sanjoyo? Völlig abgehetzt und nass geschwitzt sitze ich ihm endlich gegenüber. Ich präsentiert mir den nächsten Fragebogen. Die üblichen Fragen nach Name, Adresse, Passnummer und Gültigkeitsdauer, nach Ausstellungsort und Beruf, Angaben zum Forschungsprojekt und so weiter. Ich kann mich schlecht konzentrieren, so sehr schwitze ich. Auf dem Tisch bildet sich eine Schweißpfütze, die von meinem Arm herabläuft. Von Stirn, Gesicht und Hals tropft auch Schweiß auf Tisch und Formular. Hinter beiden Ohren rinnt mir Schweiß Hals und Rücken hinunter. Als ob nichts wäre, plaudert Pak Sanjoyo leutselig auf mich ein. Erzählt, alles sei nun fast abgeschlossen. Meine Papiere fast fertig. Ich müsse noch bei irgendeiner Polizeistation meine Anwesenheit in Indonesien anmelden. Das sei dann alles. Ich wäre legal im Land und hätte die gewünschte Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung. Ob ich mich denn freuen würde? Ob ich zufrieden sei?
Ich bin viel zu erschöpft, um irgendetwas zu fühlen. Schaffe gerade noch den Fragebogen, den Schweiß aufzuwischen und Pak Sanjoyos Geplauder zu verstehen. Reagiere automatisch. Reduzierte Sensibilität. Will alles schnell hinter mich bringen. Schade um das Gespräch. Pak Sanjoyo gefällt mir. Wo war er nur so lange?
Er erklärt mir auch, dass der Stempel mit der Dreitagesfrist in meinem Pass ein Missverständnis sei. Es muss Kupang eingetragen sein, nicht Jakarta. Nicht drei Tage, sondern sieben Tage Frist wäre üblich. Ich müsse das unbedingt noch vor Montag mit der Imigrasi regeln.

Ich verabschiede mich. Froh wieder im Freien zu sein. Atme kräftig durch. Zurück ins Hostel. Der DAAD kann mich mal. Sollen die sich doch selbst kümmern. Ich gewinne an Selbstbewusstsein, fühle mich den Beamten in ihren Air-Con-Büros überlegen. Während sie Kaffee trinken, kämpfe ich mich durch. In vorderster Schweißfront. Muss ihren Job tun oder ihre Neugier befriedigen?
Den Rest des Tages, der ohnehin fast vorbei ist, verbringe ich mit Lesen, im Restaurant sitzend. Habe eine Enzyklopedi Nusantara erworben. Eine Geschichte des Archipels aus indonesischer Perspektive. Reich bebildert. Populärwissenschaftlich geschrieben. Für den Mann auf der Straße wie für mich. Das Greenhorn. Auch sprachlich. Erleichterung, einen weiteren Tag gut bewältigt zu haben. Erstmals so etwas wie Stolz immer noch am Ball zu sein.

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