Blatt Fünfzehn: Kupang

12. Dezember 1990

Früh am morgen zur Universität Nusa Cendana (UNDANA). Das Pusat Penelitian hat die Sponsorschaft für mein Forschungsprojekt übernommen. Ich mache meinen Antrittsbesuch, will mich vorstellen. Meinen Sponsor und die Möglichkeiten dort diskutieren. Will meine Briefe von LIPI und vom Dalam Negeri abgeben. Beide für Adam Benu, den Rektor von UNDANA.
Mein Besuch eine Enttäuschung. Eigentlich eine Katastrophe. Der Kepala des Zentrums weiß nicht, was er mit mir anfangen soll. Druckst herum, fragt, wie er mir helfen kann. Mein Besuch hat ihn überrascht. Ich komme ungelegen. Ich schildere ihm meine Situation, meine Unsicherheiten, formuliere Fragen meines Projekts. Frage ihn nach einem geeigneten Standort für meine Forschung.
Er verweist mich an zwei seiner Mitarbeiter. Die seien aber gerade nicht anwesend. Und an Hendrik Ataupah. Der sei aber gerade in Jakarta an der UI. Schließe dort seine Promotion ab. Sein Thema: Die Territorialität der Textilien der Atoin Meto. Und er nennt mir André Sok, dessen Spezialgebiet indonesische Geschichte sei. Er verspricht mir, mich beiden vorzustellen. Wir verabreden uns für nächsten Samstag.
Ein kurzes Gespräch. Ich lieferte meine beiden Briefe ab. Der Rest: Vertrösten auf einen der nächsten Tage. Ich verstehe. Er ist froh, mich so einfach los geworden zu sein. Versöhnlich stellt er mir seinen Fahrer zur Verfügung, dich mich zwanzig Minuten später in Kupang abliefert. Frustration.

UNDANA ist ein relativ neuer Komplex südöstlich von Kupang. Richtung Penfui. Auf einem karstigen Hügel gelegen, völlig schattenlos der prallen Sonne ausgeliefert. Kampus Baru. Den alten Kampus, klein und völlig veraltet, aber romantisch, in fast idyllischer Lage, finde ich später in Kupang.
Eine große Zahl von neuen Schul- und Verwaltungsgebäuden zieht sich die steinige, fast vegetationslose Steigung hügelaufwärts. Großzügig angelegt, viel Platz zwischen den einzelnen Gebäuden, was aber lange Wege erfordert. Westtimor hat noch viel Platz. Eine verschwenderische Fülle. Keine Raumnot. Anders als auf den westlichen Inseln.
Weiß gestrichene Gebäude, hochkragende, rote Wellblechdächer. Die Größe des Kampus erfordert Bemoverkehr.
Zurück in Kupang. Ich hole die Passbilder ab. Wechsele das Bemo und fahre wieder nach Walikota. Die zuständige Sachbearbeiterin ist nicht da. Werde nur mit Mühe meine Passbilder los. Die mir unverständliche Frage nach einem kleinen Buku Biru bleibt unbeantwortet. Ich auf den nächsten Tag verwiesen ziehe ein weiteres Mal unverrichteter Dinge ab.

Kassandra hat zunehmend Schwierigkeiten mit Kupang. Mit dem erneuten Ortswechsel. In Ubud hatte sie sich gut eingelebt, hatte Freunde gefunden. Jetzt fühlt sie sich allein. Und unwohl. Sie wehrt sich gegen den Ortswechsel, akzeptiert die Einsamkeit und Anonymität des Hotellebens nicht. Hat Heimweh nach Bali. Keine Gamelanmusik mehr, keine tanzenden Männer und Mädchen, keine Freunde. Sie flüchtet in Rollenspiele, verlangt den Sarung. Will hübsch gemacht werden, tanzt, imitiert die Tänzerinnen, die sie fasziniert haben. Sie trägt einen Teller auf dem Kopf, verteilt die tägliche Reis- und Blumenopfer im Hotelflur.
Tagelang vollzieht sie ihre kleinen Rituale, die ihr Bali näher bringen. Ohne Vorbilder geraten ihre Pantominem zu einer komischen Groteske.

Kassandra ist unausgeglichenen, unzufrieden aggressiv und weinerlich. Sie reagiert auf die neue Situation erneut mit Hautausschlag. Sie vermisst die Freunde und das Spiel in dörflichen Ubud. Ist allein. Keine Kinder im Hotel.
Ich mache mir Vorwürfe. Ein weiteres Mal. Sorge mich um Kassandras Wohlbefinden. Überlege zum ersten Mal abzubrechen. Kassandra nicht weiter zu überfordern. Was ist richtig? Ich bin mir nicht sicher. Welche Alternative kann ich Kassandra in Deutschland bieten?
Keine Wohnung. Die zunehmende Wohnungsnot in Deutschland nach der überstürzten Wiedervereinigung, die mir kurz vor unserem Aufbruch nach Timor wie eine Wiedervereinnahmung vorkam. Keine Anstellung an einer Universität. Viele keine, keine, keine und so weiter. Nach dem großen Aufbruch mit leeren Händen zurückkommen? Wenn bringt das weiter? Das Ergebnis: Ich hänge die Ethnologie an den Nagel. Ich bin ungeduldig, genervt und gestresst von den täglichen Behördengängen. Ein stunden- und energieverschlingendes Monstrum. Allmählich zermürbt vom wochenlangem bürokratischen Marathon.
Ich bin dünnhäutig. Kann Kassandras Verweigerung verstehen und spüre Ähnliches in mir. Kann ihr Genervtsein trotzdem nur schwer ertragen. Alles schaukelt sich hoch, eskaliert und ist beinahe unerträglich geworden.

Kassandra verübelt mir die Behördengänge. Bin wieder zu viel fort. Wir vertrösten Kassandra mit dem Argument, ich müsse in die Schule. Ein Argument, dass sie aus der Zeit des Sprachunterrichts in Kemenuh kennt. Kassandra vermutet Interessantes, Geheimnisvolles, etwas wovon ich sie ausschließe. Begleitet sie mich, nervt sie das endlose Warten in Fluren und Gängen, das Sitzen auf harten Bänken, auf wackelnden Stahlrohrstühlen. Im Indonesischen immer noch unsicher, kann ich mich kaum mit den Beamten besprechen. Ständig plappert Kassandra dazwischen, quiekt, lacht, singt und versucht die Aufmerksamkeit aller auf sich zu ziehen. Versucht mich für ihre Spiele zu gewinnen und lenkt mich ab.
Meine indonesische Konversation erfordert immer noch meine ganze Aufmerksamkeit. Ich muss immer noch zuerst im Kopf übersetzen. Bevor ich antworten kann. Nichts fließt. Das erfordert Zeit und Konzentration. Kann der schnell dahinfliessenden Unterhaltung nur mühsam folgen. Es strengt mich an, alles mitzubekommen. Also gehe ich meistens alleine los. Heidrun bleibt mit einer quengelnden Kassandra im Hotel zurück.

13. Dezember 1990

Ein ganz besonderer Besuch. Wir wollen ins Museum Nusa Tenggara Timur nach Walikota. Wir wollen endlich die Ausstellung und Museumssammlung sehen und Leo Nahak persönlich kennen lernen. Den Briefkontakt persönlich vertiefen. Wir treffen Leo Nahak, der sich Zeit nimmt. Mehrere Stunden diskutieren wir mein Forschungsprojekt. Marto hat mich nicht angekündigt. Ich überrasche Leo Nahak mit unserem Besuch.
Die Besichtigung des Museums fällt aus. Renovierungsarbeiten im großen Saal. Das Museum ist geschlossen.
Der Besuch ist erfreulich, dass Gespräch mit Leo interessant und fruchtbar. Meine krausen Gedanken glätten sich etwas. Mehr kann ich von einem unangemeldeten Besuch nicht erwarten. Ich schöpfe Hoffnung auf eine Zusammenarbeit mit Leo. Das Museum scheint mir als besserer Kooperationspartner als UNDANA.
Wir diskutieren das Problem von Ort und Ausgangspunkt sehr ausführlich. Leo verfügt über gute Ortskenntnisse. Er hat eine geographische Karte von Westtimor für mich. Die erste, die mir eine grobe Orientierung ermöglicht.
Auch Leo hält So`e für einen guten Ausgangspunkt. Die Kleinstadt im Westen Amanubans bietet die Möglichkeit, ganz T.T.S. günstig zu erreichen. Nach Molo und Amanuban: das sei nur ein Katzensprung. Nach Amanatun schon etwas schwieriger. Selbst nach Kefamenanu und Oelolok sei es nicht weit. Oelolok wurde mir schon mehrere Male als interessanter Ort in Insana genannt.
Leo empfiehlt mir eindringlich einen Antrittsbesuch beim Bupati von So`e. Dieser sei ungemein hilfsbereit und wissenschaftlichen Arbeiten gegenüber aufgeschlossen. Er verfüge über Informationen, die meiner Forschung nützen können. Welche, darüber schweigt er sich aus. Leo hebt seinen rechten Daumen. Bagus, sagt er. Ein breites Lachen unterstreicht diese Geste.
Leo erzählt auch vom alten Raja Nope in Niki-Niki. Er sei eine andere wichtige Informationsquelle. Er besitzt, so Leo, eine große und wertvolle Textilsammlung der Region Amanuban. Er sei außerdem ein kenntnisreicher Mann was Funktion und Symbolik dieser Textilien betreffe. Leo erklärt mir auch, dass der Atoin-Meto-Adel die textilen Traditionen von Generation zu Generation weitergebe. Die einfachen Leute, die Bauern, tradieren ihre Kultur nicht mehr. Sie orientierten sich an westlichen Vorbildern.

Natürlich tradiert der Adel, die Oberschicht mit besserer Ausbildung und Verfügung über ausreichende materielle Ressourcen, kulturelle Traditionen eher und vollständiger. Bietet sie ihr doch die Legitimation für ihre priviligierte Stellung. Die Perspektive des Adels ist aber eine einseitige auf die Kultur der Atoin Meto. Dies belegen die vorhandenen ethnographischen Monographien. Sie bietet die Idealnorm. Ein kultureller Kanon in Reinkultur. Wie die Kultur gedacht ist. Nicht unbedingt wie sie funktioniert.
Eine problematische Perspektive, die unter Umständen wenig mit dem wirklichen Leben, der Alltagspraxis, gemein hat. Reine Ideologie. Die Perspektive von Leos einfachen Leuten ist möglicherweise praxisbezogener und alltagstauglicher. Die Ideologie des Adels reflektiert diese nur ansatzweise. Unvollständig. Modifiziert.
Erst die Zusammenschau beider Perspektiven, die Analyse der gemeinsamen Beziehungen, geben ein vollständigeres Bild einer kulturellen Weltanschauung. Kultur und kulturelle Kommunikation besteht nicht nur aus der zugrunde liegenden Ideologie. Auch nicht nur aus der alltäglichen Praxis. Kultur besteht aus dem dynamischen Zusammenwirken, dem flexiblen Verhältnis beider Positionen.

Leo Nahak nennt mir die aus seiner Sicht geeigneten Informanten. Angehörige der herrschenden Klasse. Er empfiehlt mir Timotheus Koy in Kie, Amanuban Timur. Angestellt im dortigen Petugas Kantor Kebudayaan. Auch er könne mir weiterhelfen. Richtige Entscheidungen fördern.
Viele gut gemeinte Empfehlungen am Beginn meiner Forschung.

Das Transportsystem in T.T.S. sei hervorragend. Leo Nahak äußert sich nur positiv. Ideale Verhältnisse, die er mir schildert. Von Soe aus kann ich jeden Ort erreichen. Problemlos. Regelmäßiger Bus- und Bemoverkehr. Über gut asphaltierte Straßen:

  • So`e – Kapan – Fatumnasi
  • So`e – Kefamenanu – Oelolok
  • So`e – Niki Niki
  • So`e – Kolbano
  • So`e – Kie – Oinlasi

Leo Nahak holt eine weitere geographische Karte von Timor. Und ein vom Kantor Pendidikan Dan Kebudayaan publiziertes Skript zur Situation textiler Motive.
Einer der Mitarbeiter des Museums, die immer mal wieder kurz vorbeischauen, um in die Diskussion zwischen mir und Leo hineinzuhören, erwähnt ein Motiv. Mit ernster Miene, bemüht, dass mir nichts entgeht, nennt er den ersten Motivnamen, den ich höre. Malul teke, die Darstellung eines Geckos. Bahasa Indonesia toke. Er erwähnt eine Überzeugung aus Amanatun, die er kepercayaan kita nennt:
„Will jemand eine Absicht oder einen Plan in die Tat umsetzen, und hört gleichzeitig den Ruf des Geckos, dann ist dies ein positives Omen. Die Handlung wird gelingen.“
Eine erste wesentliche Information. Nach diesen Daten suche ich. Textile Ikonographie und deren Bedeutung. Kulturelle Semantik. Die Grammatik der Kleidung. Semantische Felder ins Gewebe geschrieben.
Ich könnte dem Museumsmitarbeiter aus Amanatun um den Hals fallen. Innerlich Jubel. Es hat begonnen.
Dem ist aber sehr daran gelegen, dass ich diesen Aspekt ethnischer Überzeugung ernst nehme. Natürlich tue ich das. Und verstanden habe ich ihn auch. Den einfachen Mann, der nicht von Adel ist.
Dieser Gecko ist nicht der cikcak, der in allen Häusern Wände und Decken bevölkert und sich von Insekten ernährt.
Der Gecko ist eine Repräsentation der Ahnen.
Gecko und cikcak rufen erst nach Einbruch der Dunkelheit. Es sei denn, man schreckt sie tagsüber in ihrem Versteck auf.

An Hand der mitgebrachten Karte Westtimors bespreche ich mit Leo erneut das Standortproblem. Außerdem über meine Forschungshypothese, dass die textile Motivik regional und sozial-politisch bedeutsam ist. Territoriale Differenzierung ermöglicht.
Extern differenzierend: Molo – Miomafo.
Intern differenzierend: Molo Utara – Molo Selatan. Miomafo Barat – Miomafo Timur.

Leo Nahak ist für Amanuban. Seine Begründung: In Amanuban findet man heute die meisten traditionellen Dörfer. Deren Bewohner pflegen die traditionelle Herstellungstechnik und die traditionelle Verwendung der Tracht. Viele der Dörfer lehnen westlichen Einfluss und Lebensweise ab.
In Amanuban sind es die Männer, die als Informanten in Frage kommen. Besonders bezüglich der symbolischen Bedeutung von Motiv und Farbe. Die Frauen, die die Gewebe herstellen sprechen nicht viel und nicht gerne darüber. Allerdings wüssten auch sie Bescheid. Erfahre ich nach beharrlichem Fragen. Tabuvorschriften hindern sie angeblich daran, frei über diese Dinge zu sprechen.
In Molo sei die traditionelle Weberei weitgehend aufgegeben. Dort produziere man Gewebe für die lokalen Märkte der Region. Mit in Läden gekauften Materialien. Es gebe keine intimen Kenntnisse über die Situation in Miomafo.
Auch das mir oft empfohlene Webzentrum Oelolok sei allenfalls semi-traditionell zu bewerten.
In So`e gebe es keine nennenswerte Weberei. In den umliegenden Dörfern werde aber noch viel gewebt.
So jedenfalls Leo Nahak vom Museum Nusa Tenggara.
Ich beschließe, ihm nicht zu glauben. Seine Erklärungen leuchten mir nicht ein.

Leo priorisiert Amanuban. Eine persönliche Vorliebe? Konkrete Gründe? Er schwärmt von einem Dorf in Ostamanuban: Boti. Und über die Familie Benu. Er selbst hat dort geforscht. Sein Thema: traditionelle Bewaffnung und Musik.
Boti ist äußerst traditionell. Sagt Leo Nahak. Und fremden Einflüssen gegenber resistent.

Insgesamt ein Einstieg. Erste Eindrücke. Planbarkeit entsteht. Keine schlechten, aber unzureichende Informationen.
Jeder mit dem ich rede, erklärt sofort alles zu wissen. Meist weiß ich selbst mehr. Eine geringe Ausbeute. Die heute im Museum ist besser. Verglichen mit dem Durchschnitt meiner bisherigen Bekanntschaften.
Leo Nahak ist sehr bemüht. Kritisch und äußerst hilfsbereit. Ich hoffe auf weitere Gespräche mit ihm.
Seine Einschätzung zum Wohnungsmarkt in So`e. Skeptisch. Nach drei Stunden verabschiedet er sich. Er habe Arbeiten im Musuem zu erledigen. Der Umbau.
Literatur und Karte überlässt er mir.

14. Dezember 1990

Heute morgen Briefe nach Bonn und Jakarta und dem DAAD noch einmal meine Aufenthaltsdaten mitgeteilt. Um zügige Überweisung des Stipendiums gebeten. Unsere finanziellen Mittel sind durch meinen ungeplanten Jakarta- und Singaporeaufenthalt sehr geschrumpft. Wir müssen uns inzwischen sehr einschränken.
Die Lebenshaltungskosten liegen in Kupang höher als im indonesischen Durchschnitt.

Unsere kleine Küche auf der Hotelveranda entlastet unser Budget und erspart uns das miese Restaurantessen. Kupangs Restaurants bieten überwiegend auf den australischen Touristen zugeschnittene Fleischgerichte. Außerdem fangfrischen Fisch. Wir sind Vegetarier. Fleisch ist nicht unsere Sache.

Den Brief nach Bonn an Elfi Erdmann in Jakarta geschickt. Bitte um Weiterleitung mit der Kurierpost der deutschen Botschaft. Ein weiterer Brief an Heidruns Eltern. Noch einmal die schon telegraphisch durchgegebenen Daten unserer hiesigen Bankverbindung: Bank Dagang Negara. Cabang Kupang. Jl. Soekarno 10, P.O. Box 105, Kupang, Indonesia. Telex-Nr. 35305 bdn kp; Kto.-Nr. 900089.
Die Korrespondenzbanken in Deutschland: Bremer Landesbank, Bremen; Dresdener Bank, Frankfurt.
Wir brauchen dringend Geld.
Um Vorankündigung der geldüberweisenden Bank in Deutschland gebeten. Die soll mitteilen, dass das Geld angewiesen ist. In Kupang kann das dann schon vor dem eigentlichen Eintreffen ausgezahlt werden. Per Direkt-Telex.
Diese Vorgehensweise hat sich letztlich aber nicht bewährt. Die Bank in Kupang weiß über diese Möglichkeit nicht Bescheid.

Auf der Hauptpost eine weitere Enttäuschung. Trotz der vielen Briefe, die ich nach Deutschland schickte, am poste restante Schalter kein einziger Brief. Ich fühle mich vergessen, hier am anderen Ende der Welt. Habe ich Freunde zurückgelassen, die an mich denken? Will keiner der zu Hause Gebliebenen daran erinnert werden, wie elend er sich mit seinem Alltag herumschlagen muss, während ich die Möglichkeiten nutze, neue Erfahrungen zu machen? Ein zu hartes Urteil! Zu selbstgefällig!
Trotzdem: Auf den einen oder anderen trifft das zu.
Ich sehe es dirket vor mir. Eingehüllt in einen Kokon selbstgeschaffenen Arrests. Unzufrieden. Mit sich und der Welt hadernd.
Mein unstetes Leben in Deutschland.
Mein langer Aufbruch nach Indonesien schreckt Freunde und Bekannte. Sie distanzieren sich von mir und meinem Leben. Keiner investiert Emotionen. Was kann man schon mit jemandem anfangen, der ständig unterwegs ist. Ständig die notdürftig zusammengeflickte Beständigkeit des Alltags durchbricht. Die geruhsame, gemeinsam konstruierte Welt mit verrückten Plänen und Projekten stört. Konfrontiert zu sehr mit eigenen, unerfüllten und nicht zugelassenen Träumen und Hoffnungen.

In drei Monaten ein einziger, kurzer Brief. Von Heidruns Eltern. Nicht allzu viel. Knappe Kost. Wer will da schon Heimweh nach zu Hause haben?
Die Pakete aus Deutschland sind wie erwartet noch nicht eingetroffen. Zu spät wurden sie aufgegeben. Ein eigenartiges Gefühl am Paketschalter. Eine chaotische Atmosphäre.

Schräg gegenüber der Post, auf der Jl. Palapa 7, Kantor Pelayanan Pajak. Die Zweigstelle der indonesischen Steuer- und Finanzbehörde in Kupang. Hier gebe ich einen weiteren Brief von LIPI ab. Der Brief informiert die Behörde von meiner Anwesenheit auf Timor. Bittet darum, mich von der üblichen Ausreisesteuer von 250.000 Rupiah zu befreien. Heidrun und Kassandra sind von der Befreiung ausgeschlossen. Sie müssen die Ausreisesteuer entrichten. 500.000 Rupiah.
In Jakarta hieß es, das Gesetz, das diese Steuer verlangt, sei seit zwei Jahren außer Kraft.
Alles geht sehr schnell. Reine Formsache. Das übliche Buku Tamu. Ein kurzer Plausch auf einer bequemen Couch. Der Grund für meine Anwesenheit wird erörtert. Wie üblich. Lediglich eine Fotokopie des von LIPI ausgestellten Schreibens. Kein Stapel fotokopierter Unterlagen. Die Aufforderung mich in einem Jahr wieder zu melden.
Über meine Abreise oder Aufenthaltsverlängerung zu berichten. Ein herzlich gemeintes Good Luck. Einmal eine angenehme Behörde. Ganz nach meinem Geschmack.

15. Dezember 1990

Heute ist meine Verabredung mit den beiden Wissenschaftlern vom Pusat Penelitian (UNDANA). Ich bin vorbereitet, breche in gespannter Stimmung zum Kampus Baru auf.
Auf dem weitläufigen, schattenlosen Kampus verlassen mich Erinnerung und Orientierung. Alle Gebäude sehen gleich aus. Ich finde das Pusat Penelitian nicht wieder. Es ist 9.30 Uhr und schon ungewöhnlich heiß. Schweißnass irre ich fragend auf dem Kampus umher. Studenten, die ebenfalls nicht Bescheid wissen, dies aber nicht zugeben, schicken mich von einem falschen Gebäude zum nächsten.
Ich verlaufe mich völlig. Fühle mich hilflos und verloren. Treffe endlich einen Dozenten, der sich auskennt. Er nimmt mich auf seinem Moped mit. Wir fahren ans andere Ende des Kampus. Ich werde vor dem Pusat Penelitian abgesetzt.
Niemand erwartet mich. Nicht, dass ich viel zu spät bin. Es hat an diesem Morgen auch niemand auf mich gewartet. Keiner der Anwesenden wusste etwas von mir und meiner Verabredung.
Dr. Agus Benu, mit dem ich dieses Treffen ausmachte, ist ebenfalls nicht im Hause. Keiner weiß wo er ist. Vielleicht auf dem Kampus Lama. Wann kommt er zurück? Wann ist er am Besten zu erreichen? Ich laufe voll auf. Eine Sackgasse. Keine Ahnung, wie ich mich verhalten soll. Wie kann es hier weitergehen?
Ganz nebenbei erfahre ich auch, dass Hendrik Ataupah seine Promotion in Jakarta noch nicht abgeschlossen hat. Er wird nicht so schnell zurückerwartet.
Sich widersprechende Auskünfte. Letzten Mittwoch und heute. Wer weiß hier eigentlich Bescheid?
Ich bin frustiert! Mein Sponsor hat kein Interesse an meiner Anwesenheit. Er versetzt mich erneut. Eine für mich schwierige Lage. Wie soll ich mit jemandem zusammenarbeiten, der mich meidet. Ich habe mehr erwartet. Was erwartet man von mir? Wie soll ich mich verhalten?
Dr. Benu hat dieses Treffen vorgeschlagen. Ich verstehe sein Verhalten nicht. Desinteresse?
Habe ich die Etikette nicht beachtet? Ist die Übernahme der Sponsorschaft nur eine Formsache? Gibt es die beiden angekündigten Wissenschaftler überhaupt?
Hat Dr. Benu mehr zugesagt, als er einhalten kann?
Scheut er nun die Konfrontation?
Ich habe Antworten erwartet. Mit Fragen beladen, kehre ich ins Hotel zurück.

Ich erfahre, dass André Sok augenblicklich im Museum N.T.T. arbeitet. Ich soll es doch dort versuchen.

Nachmittag. Kupang-City. Viel Small-Talks. Das übliche mau ke mana und dari mana.
Habe mich mit einem älteren Mann, dessen drei Kinder Kassandras Interesse und Aufmerksamkeit erregen, ausführlich unterhalten. Er meint, eine Freundin von ihm, die in So`e im Kantor Parawisata arbeitet, kann uns bei der Haussuche behiflich sein. Sie heißt Nona Titi und wohnt im Wisma Cahaya. Naja! Mal sehen!

Auf der Straße von einer Pabrik Tenun erfahren. In Richtung Tenau. In der Nähe des Hafens. Ein lohnender Ausflug. Vielleicht!

Später am Nachmittag suche ich nach einer Druckerei. Ich brauche Visitenkarten. In Indonesien geht nichts ohne eine Kartu Nama. Jeder will eine von mir haben. Ein Harus. Besonders in offizieller Mission.
Auch das Ignorieren unausgesprochener Regeln verletzt die Etikette. Wirkt sich statusmindernd aus. Schadet der Verwirklichung von Interessen.
Schon dass ich kein Auto habe, alle Wege zu Fuß oder mit dem Bemo mache, belustig. Wird oft mitleidig belächelt. Im günstigsten Fall für einen Spleen gehalten
Finanzielle Gründe kann man sich bei einem Europäer erst gar nicht vorstellen. Erst recht nicht bei einem Deutschen, die alle unvorstellbar reich sind. So informiert ist man auch in Kupang.
Relativieren will eben gelernt sein. Wie kann ich von einem Indonesier ein Gespür für Unterschiede verlangen, erleben wir doch gerade den lemmingartigen Exodus unserer Brüder und Schwestern aus der ehemaligen DDR ins gelobte Wirtschaftswunderland West-Deutschland. Eine sehr behindernde und schwierig zu erklärende Situation.
Die für die knappen und statusmindernden Stipendien Verantwortlichen sollten sich einmal in dieser Situation zurechtfinden müssen.

Man muss sich das einmal vorstellen: Bis jetzt habe ich, von den Kosten für den Hinflug, das gesamte Unternehmen selbst finanziert. Meine gesamten Rücklagen sind inzwischen aufgebraucht. Vom DAAD habe ich noch keinen Pfennig gesehen. Ganz zu schweigen von den hohen Gebühren, die ich nicht erstattet bekomme. Mein Rückflugticket, habe ich inzwischen erfahren, ist außerdem fingiert.

Kassandra beginnt sich in Kupang wohlzufühlen. Und sicher. Vielleicht erscheinen ihr die Menschen allmählich weniger zudringlich. Sie ergreift nun selbst die Initiative. Macht Kontakte. Geht wieder auf Menschen zu. Gewöhnt sich ein.Zuerst freundet sie sich mit den Hotelangestellten an.
Nur Männer. Schäckert, flirtet und bändelt mit ihnen an. Besonders einer hat es ihr angetan. Ihm hat sie heute abend ihr gesamtes Repertoire vorgeführt. Und bitter geweint, als er geht, und er sie nicht mitnehmen will.

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