Prolog

Timor. Warum musste es Timor sein? Vielleicht weil es so weit von Deutschland entfernt war, dass es meine Vorstellungen überstieg. Timor repräsentierte für mich die Fremde an sich. Ich wollte fort aus den engen Städten mit all den Vorschriften und Regeln. Ausbrechen aus der Kreativität und Lebendigkeit erstickenden Routine des bundesdeutschen Alltags. Ich wollte anders sein und anders leben als in den letzten Jahren. Mir selbst fremd werden und in der Fremde aufgehen. Ganz anders als in den letzten Jahren universitärer Arbeit. Indonesien faszinierte mich seit Jahren. Ich war bereits mehrmals durch den Westen des Archipel gereist. Jetzt zog mich der weniger bekannte Osten an. Ich dachte an unverdorbene Traditionen, an authentische Lebenszyklusrituale, an Bräuche und Gewohnheiten fernab globalisierter Eindimensionalität. Die südliche Halbkugel, Abenteuer unter dem Kreuz des Südens, schon diese Namen klangen mir magisch in den Ohren und füllten meine Träume. Tag und Nacht. Schon als Junge hatte ich von diesen Dingen bei Karl May gelesen. Schließlich war ich ernsthafter, realistischer und Ethnologe geworden. Meine Träume verließen mich nicht. Warum länger warten?

Ich hatte mein Studium der Ethnologie beendet. Was lag da näher als Ethnologe zu sein. In den fremden Kulturen, von denen ich gelesen hatte, endlich zu leben. Nicht nur zu reisen, sondern zu bleiben. Den Menschen zu begegnen, ihren Alltag mitzuerleben und ihre Gedanken und Gefühle zu teilen. Soweit das überhaupt möglich ist.

Timor verdankte ich einem Zufall. Einem Absatz in einem Museumskatalog über indonesische Textilien. Ich kannte den Westen des Archipels bereits, besonders Bali, war mir vertraut. Der dort von Jahr zu Jahr expandierende Tourismus störte schon lange mein Bedürfnis nach kultureller Authentizität.

Ich lag wieder am Strand von Koh Samui, selbst Tourist, und ließ es mir unter tropischer Sonne gut gehen. Genoss die tropische Vielfalt und die Lebendigkeit, die mich das graue Deutschland vergessen ließ. Die unbeschwerten Menschen, die feuchte Hitze, die exotischen Früchte und Landschaften und Faszination des Fremden um mich herum, das mich unausweichlich anzog. Ich spürte wie sich meine Muskeln durch die natürliche Freundlichkeit, mit der man mir überall entgegenkam, lockerten und ich mich entspannt dem Neuen um mich herum staunend hingeben konnte. Ich war wieder unterwegs nach Bali und faulenzte auf dieser thailändischen Insel in der Sonne. Ich suchte nach einem Ziel und nach Plänen für die nächsten Jahre. Auf dem Rücken im warmen Wasser liegend sah ich den Wolken zu und dachte an gewebte Muster. Und an die Textilien aus Indonesien, die ich vor einigen Wochen in dieser Ausstellung in Köln gesehen hatte. Ich erinnerte mich an Timor, an die lückenhaften Kenntnisse über die Motive der Tracht dieser Insel. Also beschloss ich, nach Timor zu reisen, dort zu leben, zu arbeiten und Land und Leute kennenzulernen.

Drei Monate später war ich wieder in Deutschland und bereitete in den kommenden Wochen meinen Aufenthalt in Timor vor. Die zu bewältigenden bürokratischen Hindernisse waren erheblich. Freunde halfen mit weiter. Telefonate und Briefe mit Jakarta und Kupang führten zu ersten Kontakten. Behörden hinderten mich, prüften mich und unterstützten schließlich mein Forschungsprojekt. Ich hatte es geschafft.

Letztlich war es schwieriger als ich dachte, Deutschland, die Freunde und Vertrautheiten hinter mir zu lassen. Ich kündigte Arbeit, Wohnung und zelebrierte einen wochenlangen Abschied. Als ich am Beginn des deutschen Winters unter das Kreuz des Südens aufbrach war ich offen für Neues und frei zu gehen, wohin es mich zog. Ich brach auf in ein unbekanntes Land, in ein fremdes fernes Land, in dem die Menschen farbenprächtige Kleider trugen, Betel aßen und in Versen von ihrer Vergangenheit erzählten. Ich war unterwegs zu Menschen, die zwischen den Zeiten mit mehreren Identitäten lebten, traditionell und modern. Unterwegs in eine Kultur, die vor noch nicht allzu langer Zeit nichts ahnte von Humanismus und Demokratie. Eine Kultur, die heute verzweifelt versucht, ihre ethnische Identität zu retten. Um beinahe jeden Preis. Ich brach auf, die Söhne und Töchter von Kopfjägern zu treffen, fasziniert von Berichten über deren Kultur, die für mich alles bis dahin Gewesene in den Schatten stellte.

Copyright 1995. All Rights Reserved (Texte und Fotografien)

Die Texte der Indonesischen Tagebücher sind urheberrechtlich geschützt. Die Seiten und deren Inhalt dürfen nur zum privaten Gebrauch verwendet werden.
Jegliche unautorisierte gewerbliche Nutzung ist untersagt.

Advertisements
  1. Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: