Eno Kiu, 3. August 1991

Lais Mafet Mamonet Sakan – Tanoen

Heute ist ein besonderer Tag: Ich nehme zum ersten Mal an einer Hochzeit (lais mafet mamonet), die Adat von Frau-Mann-besitzen) teil. Ober wie Heiraten umgangssprachlich heißen: eine Sah-Zeremonie. Ich habe viel gesehen, einige der Teilnehmer ausfragen können und wegen der verwirrenden Situation und des geschäftigen Treibens längst nicht alles verstanden. Abgelenkt hat mich außerdem, dass man mir die Rolle des Fotografen zugeteilt hatte. Darum war ich vielleicht auch nur eingeladen. Ergebnis: fünf Rollen belichteter Film
Fragen konnte ich erst, nachdem der offizielle Teil des Rituals beendet war. Zu einer Zeit, als der Kontext meiner Fragen längst Vergangenheit war. Fragen nach Namen, nach den Beziehungen der Ritualteilnehmer untereinander waren nicht mehr möglich. Was mir bleibt: die Nachbefragung mit Hilfe meiner Fotos.

Das heute von allen sah genannte Heiratsritual der ländlichen Bevölkerung Amanubans setzt sich aus fünf Phasen zusammen. Teilgenommen habe ich heute an der dritten Phase des Sah, das in Bahasa Indonesia terang kampung genannt wird. In der indigenen Sprache nannte man mir zwei Bezeichnungen, die die Funktion dieses Rituals benennen:

  • Tanais uab: ?
  • Tamepan bunuk hau noah, verstärken des Kokosnußfluchs. Dieser Ausdruck bezieht sich auf die vorhergehende, zweite Phase des Heiratsritual, wenn der Bunuk aufgehängt wird (naponi bunuk hau noah, der die potentiellen Ehepartner für andere Bewerber unberührbar macht (zu bunuk s. Middelkoop:1960,46-65).

Das Verstärken des Bunuk Hau Noah markiert die dritte Phase des Heiratsrituals, das zweite offizielle Treffen von Brautnehmern (atoin amafet, die weiblichen Menschen) und Brautgebern atoin amonet, die männlichen Menschen), die sich auch jetzt im Hause der Brauteltern versammeln. Der Zweck dieser Versammlung sei es, die Heiratsabsicht und die Verbindung der beiden Namengruppen (kanaf) öffentlich zu verkünden. Aus diesem Grund wohnen der protestantische Priester aus Tetaf und der RT aus Kuatnana dem Ritual als Zeugen bei.

Wiederholt weisen mich Mitglieder der Brautnehmer darauf hin, dass es sich nicht um eine vollständige Adat-Zeremonie handelt, da die Brautgeber Chinesen seien, und dies nicht wünschten. Der Ablauf der heutigen Phase sei aus diesem Grund modifiziert. Später höre ich , dass die Modifizierung des Rituals dem Einfluss der Stadt und der modernen Zeit geschuldet sei. Aber selbst einige der anwesenden Chinesen aus der Gruppe der Brautgeber, die nur dem engsten Familienkreis der beiden beteiligten Namengruppen angehören, erwärmen sich für die Schönheit eines vollständigen Atoin-Meto-Heiratsrituals.

Obwohl das Heiratsritual nicht korrekt nach den Vorschriften der Adat (lasi) durchgeführt wird, empfinden es die Sakan, die Brautnehmer, als äußerst kostspielig. Sie führen die hohen, von ihnen zu leistenden Zahlungen während der Tauschtransaktionen der einzelnen rituellen Phasen, darauf zurück, dass es sich bei den Tanoen um eine Familie handelt, die als Chinesen wahrgenommen werden, weshalb die Heirat für die Sakan ein hohes Sozialprestige bedeutet. Und das verlangt eben einen größeren Umfang einzubringender Gaben.
Die Heirat zwischen den Sakan und Tanoen ist die affinale Verbindung. Früher habe es zwischen diesen beiden Namengruppen keine Heiratsallianzen gegeb en. Ich vermute, dass die ungewöhnliche Höhe der überreichten Gaben damit zusammenhängt, dass hier eine neue Allianz entsteht, sich ein neuer Weg öffnet, was mir aber nicht bestätigt wird.

Der folgende Text stellt die vorläufige Gliederung meiner Beobachtungen zusammen, ohne Sicherheit zu bieten, ob sie dem Ablauf des Ritual, an dem ich teilgenommen habe, gerecht wird. Es ist ein Anfang, die Funktion von Textilien in den Lebenszyklusritualen der Atoin Meto zu verstehen: Zu viele Fragen sind offen, viele Interviews noch zu führen.

Vorbereitung im Haus vom Markus Sakan, Besatoko, in Eno Kiu

Schon Tage vorher wurden die notwendigen Bestandteile für die Tauschtransaktioenn im Hause des Vaters des Bräutigams im RT Besatoko gesammelt und für die Übergabe vorbereitet. Die Brautnehmer erhalten von allen verwandten Mitgliedern ihrer Gruppe erforderliche Güter und Dienstleistungen, die sie zur Durchführung des bevorstehenden Heiratsrituals beisteuern: Säubern des Reis, Vor- und Zubereiten von Gemüse und Kräutern, Verpacken der Gaben etc.).
Die folgenden Güter zur Übergabe an die Brautgeber habe ich notieren können:

  • 100 kg verlesener Reis mnes), der ungekocht übergeben wird;
  • drei Schweine (fafi), die lebend übergeben werden;
  • Rp 15.000 (loit);
  • altes Silbergeld (noni);
  • Gemüse und Kräuter;
  • Frauenkleidung und Toilettenartikel;
  • der Verlobungsring und eine Halskette für die zukünftige Braut.

Versammlung der Atoin Amafet in Tetaf

Um am bevorstehenden Ritual im Hause der Brautgeber teilzunehmen, werde ich offiziell in die Gruppe der Brautnehmer integriert. Dies ist ein sehr einfacher Schritt: Ich werde kurzerhand an den Kosten des Brautpreises beteiligt. Mein Anteil ist aber sehr bescheiden. Ich steuere ein Kilogramm Reis, ein Pfund Kaffee, ein Pfund Zucker, 30 Arekanüsse, 20 Früchte vom Betelstrauch und 5000 Rupiah bei, ein Anteil, der allenfalls symbolische Bedeutung hat.
Im Haus angekommen, überreiche ich unsere Gabe dem Vater der Braut, der sie huldvoll annimmt und mich als seinen Gast begrüßt, indem er meine Gabe mit einen 100-Rupiah-Schein in einem Oko Mama erwidert. Jetzt bin ich Mitglied der Gruppe der Atoin Amafet.

Seit 9.00 Uhr versammeln sich die Atoin Amafet in einem Haus in der Nähe des Hofes der Atoin Amonet. Noch einmal werden die speziell für die Braut vorgesehenen Geschenke (Toilettenartikel, Schmuck, Kleidung) geprüft und neu arrangiert. Nach und nach treffen die fehlenden Brautnehmer ein: Wir tauschen und essen Betel, rauchen und unterhalten uns, um die Zeit zu überbrücken, die sich allmählich in die Lange zieht.
Pünktlich um 10.00 Uhr treffen Repräsentanten der Atoin Amonet ein, die die bereitgestellten Gaben entgegennehmen und auf sie sieben Tabletts arrangieren. Dies, so heißt es, entspreche der Tradition der chinesisch gemischten Brautnehmer: Von den Brautnehmern erhalten die Brautgeber sieben Tabletts, die diese mit fünf Tabletts an die Brautnehmer erwidern müssen. Auch die besonderen, persönlichen Geschenke an die Braut sei ein Kompromiss an die chinesisch orientierten Bräuche der Brautgeber. Dies entspreche nicht der Adat der Atoin Meto.
Die Abgesandten der Brautgeber verteilen die Gaben der Brautnehmer auf die sieben Tabletts, und umwickeln jedes einzelne mit einer rosa Schleife. In der Zwischenzeit bereiten die Brautnehmer die Geldgeschenke vor. Geldscheine im Wert von Rp 500, 1000 und 5000 werden in Briefumschläge gesteckt, jeder Umschlag mit einem Namen versehen. Wer welchen Umschlag, wer welchen Geldbetrag erhält, habe ich nicht verstanden, auch nicht, warum es unterschiedliche Beträge sein müssen.
Erst als alle Vorbereitungen abgeschlossen sind, geben die Atoin Amonet das zeichen zum Aufbruch zum Haus der Brautgeber.

Die Einkleidung des Bräutigams, irgendwann zwischen 9.00 und 10.00 Uhr. Der junge, schmale Mann Anfang zwanzig wird in ein blütendweißes Hemd gezwängt. Um den Hemdkragen folgt eine braun-weiß quergestreifte Krawatte, mit der er wie stranguliert erscheint. Abgerundet wird sein Outfit durch einen beigen Anzug, die Hosenbeine viel zu kurz, weiße Handschuhe sowie halbhohe, schwarze Stiefel. Ganz westlich gewandet bildet er einen schrillen Gegensatz zu den anderen Teilnehmern am Heiratsritual, den Männern und Frauen, die alle ihre farbenprächtig gemusterte, indigene Tracht tragen.

Prozession zum Haus der Atoin Amonet

Die Schwester der Mutter des Bräutigams führt die Prozession an. In beiden Händen trägt sie eine Karbitlampe in Kopfhöhe, die erst am Ende der Zeremonie wieder ausgelöscht wird, wenn sie anzeigt, dass dieser Teil des Heiratsrituals erfolgreich verlaufen und abgeschlossen wurde. Diese Lampe symbolisiert die offene und ehrliche Absicht der Brautnehmer, sie soll sie aber auch den Weg und den Ort des Rituals beleuchten, sodass die Öffentlichkeit von der bevorstehenden Hochzeit erfährt.
Der Lampenträgerin folgen sieben Kinder, die die sieben Tabletts zum Hause der Brautgeber tragen. Den Abschluss der Prozession bilden in lockerer Gruppierung die verwandten Teilnehmer am Heiratsritual.

Empfang durch den Vertreter der Atoin Amonet

Der Vorplatz vor dem Haus der Atoin Amonet ist eingezäunt. Eng aneinander stehende Blattrippen der Kokospalme bilden eine undurchdringliche, blickdichte Umzäunung, die aber nicht daran hindert, über sie hinweg zu sehen. Äußerst ungewöhnlich für Gehöft in Amanuban, deren vegetationsfrei gehaltenes Areal vom umgebenden Bewuchs begrenzt ist.
Vor ihrem rechteckigen Steinhaus haben die Brautgeber einen Baldachin aus blauer Plastikplane errichtet, unter dem zu beiden Seiten der Eingangstür Stuhl- und Bankreihen aufgestellt sind.
In der schmalen Pforte, die in diesen eingezäunten Ort führt, steht der Sprecher (atonis) der Brautnehmer, gekleidet in ein weißes Hemd, den Mau naek über die Waden tragend, dessen farbige Streifen der Seitenbahnen ihn als Mann aus Amanuban kennzeichnen. Gestenreich und mit blumigen Worten begrüßt er die Brautnehmer, die geduldig vor dem Eingang auf Einlass warten. Erst als er zu Ende gesprochen hat, bittet er uns, einzutreten.
Die Kinder stellen die sieben Tabletts auf die beidseitig bereitstehenden Tische. Erst dann setzten sich die Atoin Amafet die Sitzplätze auf die rechte Seite des Eingangs.
Der Sprecher der Brautgeber steigt die Stufen zu der kleinen Veranda hinauf, und setzt sich dort auf den letzten freien Stuhl. Rechts von ihm sitzt der Vertreter des Atoin Amaf, links von ihm die Braut.

Die Tauschtransaktionen zwischen Atoin Amafet und Atoin Amonet

Simon Petrus Banamtuan aus Leti, der Sprecher der Brautnehmer, richtet die erste Rede an die Brautgeber, die durch das erste Oko Mama, in dem ein Geldschein liegt, eingeleitet wird. Mit niedergeschlagenem Blick, die gefalteten Hände erhoben, spricht er in eindringlichem Ton seine Bitte um Gehör aus. Noch während S.P. Banamtuan spricht, rutscht Arkelaos Na`u auf Knien, das Oko mama in Stirnhöhe erhoben, auf die Veranda zu, von wo die Brautgeber auf ihn herabschauen. Auf einen Tisch, der am Fuß der Treppe steht, stellt er das Oko mama ab. Auf Knien rutscht er ann ein paar Meter zurück zu den Brautnehmern, wo er mit erhobenen, gefalteten Händen verharrt.
Mit den letzten Worten der Rede des Sprechers der Atoin Amafet gilt das Oko mama als überreicht. Nun ergreift der Fan Falo aus Kesetnana, der Sprecher der Brautgeber, das Wort. Während ein junges Mädchen ein Oko mama mit einem Geldschein vor die Brautnehmer auf den Boden stellt, spricht Falo von seinem erhöhten Sitz zu den Brautnehmern und teilt diesen mit, dass deren Bitte erhört worden ist.
Nachdem beide Redner gesprochen haben, nehmen sie den Geldschein aus dem Körbchen und stecken ihn in ihre Hemdtasche. Von den beiden Überbringern werden die Oko mama werden zurück zu den Sprecher getragen, und das Procedere beginnt erneut.

Körperhaltung, Mimik, Gestik und Klang der Stimme der beiden Sprecher sind in ihren Reden wesentliche non-verbale Ausdrucksmittel, die die soziale Beziehung zwischen Brautnehmern und Brautgebern charakterisieren.
Der Sprecher der Brautnehmer sitzt nach vorne gebeugt, mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf, auf seinem Stuhl. Sein rechtes Knie berührt er fast den Boden. Seine häufig gefalteten Händen weisen in Richtung der Brautgeber, der Klang seiner ist Stimme gedämpft. Bittend richtet er seine Worte an den Sprecher der Brautgeber. Mit gesenktem Blick, während des Sprechens, flehend von unten nach oben schauend, empfängt er die Erwiderungen seines Gegenübers mit gesenkten Kopf. Selbst in den Phasen allgemeiner Heiterkeit, ausgelöst durch die Worte des Sprechers der Brautgeber, verharrt er in dieser Stellung. Seine Reaktion: ein verlegenes Mit-Lachen, den Blick weiter gesenkt. Seine gesamte Erscheinung ist die des Bittstellers, der eine ihm übergeordnete und überlegene Personlichkeit um eine Mildtätigkeit bittet. Seine Haltung drückt Ehrerbietung und Respekt aus, darf auf keinen Fall als Unterwürfigkeit missverstanden werden. Ein kulturelles Ideal zwischen-menschlicher Interaktion schreibt ihm dieses, bis an die Grenze der Selbsterniedrigung gehende Ausdruckverhalten seinen Brautgebern gegenüber vor, denen als Geber des Lebens Respekt und Verehrung signalisiert werden soll. Stolz, Arroganz und alle anderen Formen der eigenmächtigen Selbsterhöhung sind wenig geschätzte Persönlichkeitsmerkmale in der Kultur der Atoin Meto.

Das Auftreten des Sprechers der Atoin Amonet ist ein völlig anderes, ist von Selbstvertrauen und dem Bewusstsein sozialer Überlegenheit gekennzeichnet. Eindeutig signalisieren diese seine Haltung, seine ausschweifende Gesten und sein selbstsicheres Lächeln, das er fast arrogant zur Schau stellt. Es ist dies die Geste des großzügigen Gewährens einer Bitte.
Schon seine erhöhte Sitzposition auf der Veranda des Hauses führt dazu , dass sein Blick von oben herab auf den Blick des Sprechers der Brautnehmer trifft. Sein Körper ist aufgerichtet, die Brust stolz geschwellt, seine Arme über der Brust gekreuzt, wenn sie nicht zu demonstrativen Handbewegungen durch die Luft fahren. Aufrecht stehend, mit erhobenem Kopf und lauter Stimme, richtet er seine Worte an den Sprecher der Atoin Amafet. Seine Stimme hat nicht den leisen, fast zitternd bittenden Tonfall, sondern ist von ruhiger Kraft und Selbstbewusstheit geprägt. Er ist es, der beruhigend und scherzend, aber auch bestimmt, die Rede des Sprechers der Brautnehmer erwidert. Ein Vergleich drängt sich auf: der liebevoll-gewährende, aber auch streng-fürsorgliche Vater spricht zu seinem abhängigen und gehorsamspflichtigen Kind.

Redegewandtheit und Schauspielkunst verbinden sich in der Person der beiden Sprecher während dieses Redeaustauschs, unterstützen die Kraft und den Inhalt des gesprochenen Worts. Die Wortwechsel, sowie das non-verbale Ausdruckverhalten zwischen den beiden Sprecher sind eine Performance, die von Dramatik und Theatralik getragen wird. Eine Performance, die ein Spiel, eine Spiegelfechterei, zwischen den beiden Repräsentanten der beteiligten Gruppen zu sein scheint, da ihr Ausgang nicht in Zweifel gezogen werden kann: die Heirat der beiden jungen Menschen ist längst beschlossen und ausgehandelt. Das Ergebnis des Wortwechsels stand schon von Beginn an fest. Sehr gut repräsentiert dieser stellvertretend ausgetragene Wortwechsel die kulturellen Normen und Werte der Gemeinschaft:

  • die Idealvorstellung der Interaktion zwischen zwei sozialen Gruppen, symbolisch als männlich (mone) und weiblich (feto) klassifziert, die durch eine Heirat asymmetrische, affinale Verbindungen eingehen;
  • die Idee von der Durchführung einer, durch die Adat formulierte Heiratspraxis, deren Ursprung die Atoin Meto auf ihre Ahnen zurückführen.

Jedes Geldgeschenk, das symbolisch für die wirklichen Gaben der Tauschtransaktion steht, die während des Rituals nicht vorliegen, erwidert. Allerdings erwidern die Brautgeber den Geldbetrag nicht in der gleichen Höhe. Es sind die Atoin Amafet, die den höheren Betrag zu leisten haben.
Von Rede zu Rede erhöhen die Brautnehmer ihren Geldbetrag, der im Oko mama überreicht wird. Erst als die Brautgeber mit den gewechselten Worten und überreichten Gaben zufrieden sind, erscheint die Braut auf dem Balkon. während die Reden noch darum kreisen, ob es sich um die rechte Braut handelt, nimmt diese ihren Platz links neben dem Sprecher der Brautgeber ein.

Die Braut trägt ein rosa Kleid, das völlig mit Spitzen besetzt ist, ein mit rosa Schleifen geschmücktes Diadem. Sie ist stark geschminkt: weiß gepuderter Untergrund, die Wangen rot, die Lippen in dunklem Rosa. Irgendwie erinnert sie an eine der Barbie-Puppen, wie sie in deutschen Kaufhäusern zu Hunderten angeboten werden: eine Karikatur westlicher Zivilisation, eine Erinnerung an Deutschland in den 50er Jahre mit Hang zu Kitsch und zur Peinlichkeit. Aber die Peinlichkeit ist ganz auf meiner Seite, denn ich sehe in einen Spiegel. Was mir entgegenblickt ist die Dekadenz meiner eigenen Kultur, treffend in der Überzeichnung, entlarvend allein schon aufgrund der Deplazierung. In der Wahrnehmung der fremden Kultur bin ich zur Karikatur geschmolzen. In Amanuban verstehen sich Braut und Bräutigam als modern, als pro-westlich orientierte Avangarde, repräsentieren Progressivität und städtisches Ambiente.

Die Übergabe der sieben Tabletts der Atoin Amafet

Der Fluss der Reden und ausgetauschten Oko Mama wird, für mich unerwartet, durch die Präsentation der sieben vorbereiteten Tabletts unterbrochen.
Die Kinder, die schon die Tabletts in den Hof der Brautgeber brachten, reichen nun ein Tablett nach dem anderen an den zukünftigen Bräutigam. Auf dem ersten Tablett liegt der noch eingepackte Verlobungsring, den der Bräutigam aus der Verpackung nimmt und ihn seiner Braut über den Finger streift. Der Bräutigam nimmt auch die goldene Kette mit einem Anhänger und legt sie seiner Braut um.
Die übrigen sechs Tabletts reicht der Bräutigam seiner Braut, die sie an die Mitglieder ihrer Familie weitergibt, von denen sie ins Haus getragen werden.
Noch während dieser Zeremonie kamen aus dem Haus der Brautgeber weitere Kinder, die fünf Tabletts mit den Gegengaben der Brautgeber zu den Brautnehmern bringen. Auf dem ersten Tablett liegt der Ring für den Bräutigam. Auf den anderen ein beiger Anzug, Toilettenartikel sowie zwei gelb-schwarze Mau naek, verziert mit einem Ikatmotiv (`ka mnutu) und Buna`Musterung.

Christliche Gebete und Gesänge: Der Auftritt des Priesters von Tetaf

Nachdem die Tabletts endlich überreicht und begutachtet waren, die Brautleute ihre Ringe trugen, kommt auch die Kirche zu ihrem Recht. Gemeinsam werden Lieder aus der protestantischen Liturgie angestimmt, der Pfarrer erhält die Gelegenheit zu seiner predigt. Den Abschluss der kleinen Andacht bildet die unvermeidliche Kollekte zum Wohl der Kirche.

Noch mehr rituelles Reden: Die Gaben für die Brauteltern

Als der Pfarrer an seinen Platz zurückgegangen war, nehmen die beiden Sprecher ihr Amt wieder auf. Begleitet von ihren Reden tragen die Brautnehmer sechs große, mit Arekanüssen (puah) und Betelpfeffer (manus) hoch gefüllte Körbe in den Hof, die sie vor den Brauteltern auf der Veranda abstellen.

Bewirtung der Atoin Amafet durch die Atoin Amonet

Der Sprecher der Atoin Amonet beschließt den Gabenaustausch mit der Ankündigung, dass das Essen zubreitet und aufgetischt sei, und dass nun mit dem Essen begonnen werden muss. Die Brautgeber seien nun bereit, ihre Brautnehmer zu bewirten (zu füttern).
Die Bewirtung der Atoin Aamfet bildet die letzte Phase des heutigen Gabenaustauschs des Heiratsrituals (sah). Das opulente Mahl, gekocht und zubereitet, bildet den Gegenpol zu der rohen Nahrung, die die Brautnehmer in die Tauschtransaktionen eingebracht haben.
Der Tausch der rohen Nahrung gegen die gekochte Mahlzeit fokussiert implizit die asymmetrische Beziehung zwischen Brautnehmern und Brautgebern. Die rohe, in den Tausch eingebrachte Nahrung der Atoin Amafet spiegelt sich in der gekochten Mahlzeit der Atoin Amonet, bildet gleichzeitig ein weiteres Schlaglicht auf die sozial unterschiedlichen Positionen, die dem traditionellen Verhältnis zwischen Brautgebern und Brautnehmern entspricht.
Nachdem das Buffet eröffnet ist, ziehen sich die Vertreter beider Parteien zurück, um den Termin für die nächste Phase des Heiratsrituals festzulegen.

Bewertung der Tauschtransaktionen

Die heutige Tauschtransaktion besteht nicht darin, dass die Atoin Amafet die Braut für den Brautgebern kaufen, wie der eingebürgerte Terminus Brautpreis unterstellen könnte, ist deren Wert nicht durch materielle Geschenke zu ersetzen. Allein schon die Absicht, eine Braut zu kaufen, setzt die Würde und Wertschätzung der Frau in der Atoin-Meto-Gesellschaft herab.
Die beschriebenen rituellen Phasen dienen dazu, den Brautgebern Ehre zu erweisen und Respekt zu zollen, und sie durch die gehaltenen Reden offiziell um die Braut zu bitten. Die Übergabe von Wertgegenständen, besonders die reiche Gabe von Betel, ist nichts anderes als eine Mitgift, die die Kosten des umfangreichen Heiratsrituals auf mehrere Beteiligte verteilt und letztlich dem Brautpaar zu gute kommt.
Durch die freiwillige Erniedrigung der Brautnehmer, und der Übernahme ihrer sozial untergeordneten Rolle, drücken sie den Brauteltern, sowie den versammelten Brautgebern, ihre Wertschätzung und Verehrung aus, die daraus resultiert, dass die Brautgeber eine Frau aus ihren Reihen entlassen, die den Brautnehmern zur Quelle neuen Lebens gereichen wird. Darüber hinaus sind durch diese Transaktionen zwei Familien miteinander verbunden worden, wie dies der Vertreter der Eltern der Brauteltern in seiner abschließenden Ansprache an die versammelte Festgemeinde ausdrückte: Wird eines durch ein anderes vermehrt, so entsteht ein weiteres.

Kommentar

Ein beeindruckendes Erlebnis! Auch wenn ich nicht alle beobachteten Handlungen und Ereignisse nachvollziehen oder verstehen konnte. Vieles muss ich in den nächsten Wochen nachzuarbeiten. Offenen Fragen für Interviews und Befragungen habe ich genügend gesammelt.
Am besten wird es sein, ich beginne mit den – Falo und Banamtuan – den beiden Sprechern – die die Verhandlungen zwischen den beiden Gruppen geleitet haben.

Den ständigen Hinweis darauf, dass es sich heute nicht um ein adatgemäßes Heiratsritual gehandelt habe, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Zwar mag sich im Umfeld dieses Rituals vieles verändert haben, besonders bezüglich der Kleidung und überreichten Geschenke, die durch städtischen Einfluß modifiziert sind, scheint doch die Struktur des Rituals, der Austausch von Reden und Gaben, unverändert. Auch das Verhältnis, in dem sich die beiden Gruppen zueinander stehen, ihre sozialen Beziehungen sowie die Symbolik, die diese Beziehungen zum Ausdruck bringen, scheint mir kaum verändert.
Nicht zuletzt führen sie das von ihnen Sah genannte Heiratsritual in allen Phasen durch, bevor die Braut in den Haushalt der Familie des Bräutigams umzieht.
Christliche und andere moderne Einflüsse fordern ihren Tribut nur an der einen oder anderen Stelle.

Anmerkung

Feldforschungstagebuch Amanuban: 3. August 1991

Datum 03.08.1991 / 09:00 – 16:00 Uhr
Ort Haus der Atoin Amonet; Kuatnana; Tetaf; Westamanuban
Teilnehmer Kanaf Sakan; Kanaf Tanoen; St. Tanoen, SD Inpres Besakolka, Tetaf; HWJ; HJ
Daten teilnehmende Beobachtung; Befragung; Fotografie

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