Die Textilien der Atoin Meto

Technologie und Ikonographie als Ethnic Marker in Westtimor

Meine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der ostindonesischen Kultur der Atoin Meto begann mit der farbenprächtigen textilen Tradition dieser Ethnie, der dominierenden Population im Westen der Insel Timor. Meine nur hier publizierte Untersuchung Textilen der Atoin Meto: Variationen eines Stils in Westtimor (Teil 1 und Teil 2) war als Grundlagenforschung für die Dokumentation von musealen Sammlungen gedacht.

Zu Beginn der 80er Jahre des 20.Jahrhunderts lagerten in den meisten europäischen Sammlungen zahlreiche Textilien dieser Ethnie, die insgesamt aber kaum dokumentiert waren. Weder die Herstellungstechniken dieser Textilien noch ihre Ikonographie waren damals ausreichend bekannt. Außer einigen gelehrten und inspirierenden, aber weitgehend unbestätigt gebliebenen Hypothesen, gab es wenig Anhaltspunkte, diese textile Tradition und ihren kulturellen Kontext zu verstehen.

Meine Untersuchungen der textilen Tradition der Atoin Meto geht von drei Thesen aus, nämlich davon,

  • dass sich die Musterung der Atoin Meto-Textilien in erster Linie nach der territorialen und politischen Einheiten dieser Ethnie richtet und dass Rangunterschiede an einer reicheren Ornamentik erkennbar sind;
  • dass es sich bei dem Musterungssystem der Atoin Meto-Textilien um ein System symbolischer Kommunikation handelt, dass mit ethnologischen Methoden verstehbar und interpretierbar ist;
  • dass die textile Ikonographie der Atoin Meto wesentlich an der Sicherung und Stabilisierung der ethnischen Identität dieser Kultur beteiligt ist.

Was mit der Dokumentation von Museumsexponaten in einigen europäischen Museen begann, endete 1992 mit einer zweijährigen Feldforschung in Westtimor, in der ich umfangreiches Datenmaterial zur Produktion und Musterung von Atoin Meto-Textilien zusammenstellen konnte. Die Auswertung dieser Daten kulminierte 1995 in der Untersuchung Eingefangene Fäden. Textile Verzierungstechniken in West-Timor, Indonesien. Mit dieser Veröffentlichung war die Erforschung der ikonograpischen Dimension dieser textilen Tradition keinesfalls beendet, die dem kurzen Essay in Kleidung als Wohnung des Leibes zwar fortgesetzt, aber trotzdem noch ganz am Anfang steht. Abgeschlossen in diesem Zusammenhang bedeutet lediglich, dass mein Feldforschungsmaterial weiterreichende aktuell Interpretationen nicht mehr zulässt.

Kleidung der Atoin Meto im Alltag und in formellen Situationen

Inzwischen kennt wohl jeder, der schon einmal mit indonesischen Textilien in Berührung kam, die farbenprächtigen Textilien der Atoin Meto. Allerdings hört man häufig, daß diese Textilien aufgrund ihrer, mit europäischem “Geschmack” schwer vereinbarer Farbgebung und Motivik, primitiv genannt werden. Wer so redet, ver­steht wenig von diesen kunstfertigen Erzeugnissen der Handweberei: Weder kennt er die komplizierten Herstellungs- und Verzierungstechniken, noch würdigt er die komplexe Symbolik ihrer Motive.

Die Atoin Meto-Weberinnen produzieren für ihren eigenen Bedarf hauptsächlich drei unterschiedliche Arten verzierter Kleidung, [1] die sie als ein überliefertes Repertoire betrachten:

  • den großen und längsrechteckigen mau naek, [2] die Kleidung des Mannes;
  • den röhrenförmigen tais, [3] den die Frau trägt;
  • den schmalen, mau ana [4] genannten Schal, dessen Auftreten in Timor auf west-indonesische beziehungsweise javanische Einflüsse zurückgeführt werden kann;
  • die einzelnen Textilien, die zusammengenommen das Ornat des Krieger-Kopfjägers (meo) der Vergangenheit bilden, heute aber nicht mehr hergestellt werden. [5]

In Amanuban ist die gerade vorgestellte Kleidung hauptsächlich mit Ikatmotiven (futus) verziert. Eine ebenfalls bekannte Kettentechnik (lotis) zur Verzierung der Gewebe erfreut sich erst neuerdings, vor allem im städtischen Milieu, immer größerer Beliebtheit. Zusätzliche Verzierungstechniken spielen eine sekundäre Rolle im Zusammenhang mit ikatgemusterter Kleidung. Die einzelnen Kleidungsstücke des Meo-Ornats stellen in diesem Repertoire Kleidung der Vergangenheit dar, die heute eher aufbewahrt, als getragen wird. [6]

Mau;, tais und ;mau ana dagegen bestimmen in den Städten und in den ländlichen Siedlungen, besonders aber auf Märkten, in der Kirche und während der Feste und Rituale die Kleiderordnung. Betrachtet man die Kleidung, die die Atoin Meto heute bevorzugen, so ist man gezwungen, von einem Bekleidungs-Synkretismus zu spre­chen, wobei für die urban lebenden Atoin Meto zum Teil andere Kleiderregeln gelten, als für die Landbevölkerung. [7] Um einen Bekleidungs-Synkretismus handelt es sich deshalb, weil die von den Atoin Meto-Weberinnen her­gestellten Textilien mit Textilien westlicher Provenienz kombiniert getragen werden.

Die im ländlichen Milieu alltäglich vom Mann getragene Kleidung ist der, um die Hüften gewickelte mau naek [8] und das einfarbige oder (beliebter) das bedruckte T-Shirt bzw. das farbig gemusterte Hemd mit kurzem Arm. Den Kopf schmückt und schützt der unvermeidliche, ebenfalls westliche Hut mit beliebig breiter Krempe. Die Haare sind entsprechend westlicher Manier kurz geschnitten. Der früher obligatorische Haarknoten (bu`it), der den Hinterkopf des Mannes zierte, ist heute völlig verschwunden. Nur in dem, für westliche Touristen hergerichteten Dorf Boti (Ost-Amanuban), hat er diesen Wandel teilweise überlebt.

Die Frau trägt im Alltag den pan-indonesischen Sarung, in Amanuban lipa genannt, ein T-Shirt oder eine nicht mehr neue Bluse (kebaya). Die langen Haare sind zu einem Nackenknoten (bu`it) geschlungen, entweder verknotet oder traditionell mit einem Kamm (so`it), heute mit einer Haarnadel oder einem Kugelschreiber fixiert.

Das Tragen von Schuhwerk ist für beide Geschlechter unüblich. Nur selten sieht man die heute im westlichen Indonesien unvermeidlichen Plastiksandalen. Anders als im Alltag gelten für alle formellen Situationen (Markt, Fest, Ritual, Kirche) Kleidernormen, die als das Tragen von Tracht bezeichnet werden. [9] Die adatgemäße Tracht des Mannes setzt sich dabei aus den folgenden Elementen zusammen:

  • aus dem um die Stirn gebundenen Kopftuch (piul naka), einem quadratischen, auf dem Markt gekauften Batiktuch, das so gefaltet wird, daß an den Schläfen oder am Hinterkopf ein hornartiger Zipfel nach oben zeigt;
  • aus einem weißen Hemd mit kurzem Arm (fanu);
  • aus zwei, übereinander getragenen mau naek;
  • dem Unterkleid (mau pinaf), das in Amanuban bis weit über die Wade reicht, das in Molo direkt unter dem Knie, in Amanatun kurz über dem Knie endet sowie
  • dem Oberkleid (mau fafof), das doppelt oder mehrfach gefaltet um die Hüfte gelegt wird, und das den oberen Teil des unteren mau naek bedeckt; [10]
  • aus der über einer Schulter getragenen Tasche für Betel und andere Dinge des persönlichen Bedarfs (aluk). [11]

In Höhe der Hüften wird der mau pinaf; mit mehreren, übereinanderlie­gen­den Gürteln (pilu) befestigt. [12] Als untersten Gürtel trägt der Mann den weißen und unverzierten piul muti, darüber mindestens einen, gewöhnlich jedoch zwei oder drei piul saluf;. [13] Piul saluf nennt man diese Gürtel aus Baumwolle, da ihre beiden Enden in breiten, saeb-verzierten Fransen auslaufen (saluf, zerrissen, zerfetzt). Mehrere, an beiden Unterarmen getragene Armbänder (niti) aus Silber oder Messing runden die Tracht von Mann und Frau ab. Arm-, Bein- und Brusttätowierungen sieht man nur noch bei sehr alten Menschen.[14]

Die Tracht der Frau besteht aus der pan-indonesischen Bluse (kebaya) sowie aus dem röhrenförmigen tais, der ihr bis hinunter auf die Füße fällt. Über diesem tais trägt die Frau einen neuen, kaum getra­genen lipa, der ihr selbstgewebtes Klei­dungsstück soweit bedeckt, daß gerade noch dessen unterer Saum sichtbar ist. Lose über eine Schulter gehängt, oder als Schärpe über der Hüfte mit einer Sicher­heitsnadel befestigt, trägt sie den schmalen mau ana. Silberne Armreifen und Gürtel (fut noni), orangefar­bene inuh-Ketten, Ringe (kleni) und Ohr­gehänge (falo) sowie der oft sil­berbesetzte Kamm (so`it), der im Haar­knoten oder über der Stirn in das Haar gesteckt wird, bilden den üb­lichen Schmuck. Schuhwerk ist wie­derum für beide Geschlechter un­üblich.

Im städtischen Milieu sind je nach Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht, gesellschaftlichen Position oder formellen Situation, die gerade für die länd­liche Be­völkerung beschriebene Kleidung oder alle daraus möglichen Kombi­nationen üb­lich. Moderne Städter tragen heute Hose, dazu ein Hemd oder ein T-Shirt bzw. Rock und Bluse, vor allem dann, wenn es sich um Beamte oder Lehrer handelt oder wenn sie sich, be­sonders in jungen Jahren, westlichen Einflüssen öffnen. Aus ikatver­zierten, geschneiderten Stoffen hergestellte, kurzärmelige Jacketts die­nen im Beamtenmilieu, ähnlich wie das Batikhemd in Java, als sozial differenzierende Uniform. Europäische Jacketts, die zusammen mit weißem Hemd und dem mau naek getragen werden, erfreuen sich heute bei allen Männern, gleichgültig ob sie urban oder ländlich wohnen, großer Beliebtheit in formellen Situationen.

Im Alltag tragen heute fast nur noch die Männer die selbsthergestell­ten, verzierten Textilien, während die Frau, die geschickte und kennt­nis­reiche Produzentin dieser Textilien es bevorzugt, sich in den impor­tier­ten pan-indonesischen Sarung zu hül­len (lipa). Nur während formel­ler Situationen bekleidet auch sie sich mit dem tradi­tionellen tais. Im All­tag ist es für den außerhalb von Haushalt und Weiler seinen Aufgaben nachgehenden Mann von weitaus größerer Bedeutung auf speziell ge­musterte Textilien zurückgreifen zu können, da diese in der Lage sind, seine terri­toriale Zugehörigkeit auszudrücken. Die unterschiedliche Tragart sowie die unter­schiedliche Motivik der Atoin Meto-Textilien der einzelnen, ehemals politisch au­tonomen Territorien, besitzt die Funktion eines „ethnic markers“ für diese Kultur, eines Labels mit Wiedererkennungswert, das je nach Kontext eine interne als auch eine externe, territoriale, soziale oder politische Differenzierung er­möglicht. Diese Funktion betrifft jedoch eine andere Dimension textilen Ge­brauchs in Westtimor, die nicht Gegenstand des ersten Bandes dieser Untersuchung ist.

Die Aspekte der textilen Funktion und Ikonographie der Atoin Meto, die in den folgenden Texten dargestellt werden, beschäftigen sich mit:

  • Funktion und Bedeutung von Textilien in rituellen Situationen in Indonesien;
  • spezieller mit der Rolle, die bestimmte Textilien in den Lebenszyklusritualen der Atoin Meto spielen, so wie die ethnographische Literatur sie überliefert.

Die in einem Sammelband veröffentlichte Studie Kleidung als Wohnung des Leibes handelt von der textilien Ikonographie und der symbolischen Bedeutung der Textilien der Atoin Meto in Amanuban.

Die Publikation Eingefangene Fäden dokumentiert die Herstellungstechnik und die Musterungssysteme der Atoin-Meto-Textilien, die ich in einer umfangreichen Feldforschung in den Jahren 1990 bis 1991 gemeinsam nit Heidrun Jardner in Südzentraltimor dokumentiert habe.

Bisher habe ich nur den ersten Teil dieser Untersuchung online gestellt; die vollständige Untersuchung kann aber in Buchform vom Autor erworben werden.

  • Eingefangene Fäden. Verzierungstechniken der Atoin Meto,
    Teil 1
  • Eingefangene Fäden. Verzierungstechniken der Atoin Meto, Teil 2
  • Eingefangene Fäden. Verzierungstechniken der Atoin Meto, Bibliographie

eingef.Faeden
Die vollständige Untersuchung Eingefangene Fäden ist atuell noch als Printversion beim Autor über Kontakt zu beziehen.

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