Weihnacht im Wilden Osten

Die protestantische Kirche in Amanuban besteht aus einer großen Anzahl von Basisgruppen. Die Gruppen orientieren sich an den Nachbarschaften der dörflichen Siedlungsstruktur. Jede Kirchengemeinde in Amanuban ist in diese kleinen, gut überschaubaren und kooperativen Gruppen gegliedert.
Jede dieser protestantischen Basisgruppen führt einige Tage vor Weihnachten eine Zeremonie durch, die Pohon terang, der strahlende Baum, oder Pohon natal, Baum der Geburt, genannt wird. Einige dieser Gemeinden haben mich gebeten, mit ihnen zusammen Weihnachten zu feiern. Für mich waren diese Feiern ein eigenartiges Erlebnis. Getragen von einer warmen sozialen Atmosphäre wirkten sie auf mich grotesk und unpassend aus einem christlichen Kontext adaptiert.

Für ihre Weinachtsfeiern versammeln sich die Mitglieder einer Basisgruppe um ein Imitat des europäischen Weihnachtsbaums. Mit dem Baum in ihrer Mitte veranstalten sie eine christliche Andacht in kontemplativer, aber auch geselliger Atmosphäre. Episoden, rund herum um das Thema Weihnachten.
In Amanuban sind diese Weihnachsfeiern äußerst populär. Weihnachten ist ein soziales Ereignis im Kreis von Familie und Nachbarschaft. Nicht jedes Haus in Amanuban hat einen Weihnachsbaum. Der Pohon terang wird nur dort errichtet, wo die Feier stattfindet.
Es gibt in Amanuban standardisierte Vorstellungen darüber, wie eine Pohon-terang-Zeremonie durchgeführt werden muss. Dennoch finden sich von Veranstaltung zu Veranstaltung erhebliche Unterschiede. Die größten Unterschiede resultieren aus dem extremen Stadt-Land-Gefälle im Landkreis Amanuban.

Die Weihnachtsfeiern werden von zwei Funktionären geleitet, die als Protokol und Pelayan bezeichnet werden. Die Funktion des Protokol genannten Mannes besteht darin, die einzelnen Phasen der Zeremonie anzusagen und mit einigen Worten einzuleiten. Der Pelayan, meist der zuständige Penatua, übernimmt die geistliche Leitung der Zeremonie. Er spricht die Gebete, stimmt die Lieder an, trägt das Evangelium vor und eröffnet und schließt die Zeremonie.

Eltern und Kinder erarbeiten einige Wochen vor Weihnachten das Programm für die Feier. Weihnachtslieder werden ausgesucht, Rollenspiele werden eingeübt, in der Lieder und kleinere Episoden aus dem Evangelium vorgetragen und aufgeführt werden. Eifrig üben die Kinder Gesten und Minen ein, die den Vortrag der Lieder und Geschichten begleiten. Besonders andächtige Blicke, himmelswärts erhobene Hände, die Imaginäres vom Himmel auf die Erde herabziehen, sind ein äußerst beliebtes Repertoire. Die täglich stattfindenden Übungen erzeugen bereits im Vorfeld der Weihnachtsfeier eine allmählich ansteigende emotionale Spannung. Gut vorbereitet warten die Kinder aufgeregt auf Weihnachten. Für sie ein unreflektiertes Vergnügen.
In Amanuban gibt es keine Nadelbäume und erst recht keine Tannenbäume. So muss ein in eine Tonne gesteckter Sandelholzbaum herhalten und den Weihnachtsbaum mimen. Prächtig geschmückt hat man diese Weihnachtsbaumimitate, mit Kerzen, bunten Bändern und mit weißem Schaum, den Schnee der europäischen Weinachtszeit nachahmend, der auf den weit ausladenden Äste des Sandelholzbaums wie Rasierschaum wirkt.
Solche Bäume stehen mitten im vorderen Zimmer des Hauses des Gastgebers. Um den Baum herum die Sitzgelegenheiten, dazwischen eine freie Fläche für die einzelnen Phasen der Feierlichkeit.

Abraham Sakan und Cornelis Be`is laden mich ein. Pohon Terang in Mnela Bubun. Der leuchtende Baum, Weihnachten à la Amanuban. Cornelis ist Penatua, Katechet, im Ortteil Mnela Bubun. Das genaue Timing für diese Feier bestimmt die protestantische Kirche Son Halen in Niki-Niki. Für alle vierzehn Ortsteile im Kelurahan Niki-Niki gleichzeitig. In diesem Jahr ist es die Nacht von 21. auf den 22. Dezember. Weihnachten zentral von oben festgelegt.
Pohon Terang oder Pohon Natal? Populärer und volkstümlicher Pohon Terang, der glänzende Baum. Die Atoin Meto in Amanuban greifen diesen Namen auf und übertragen in ihre eigene Sprache. Weihnachten nennen sie Hau meosine, der helle Baum. Pauk pina natal, die strahlende Fackel, heißt der Weihnachtsbaum in der Kleinstadt Niki-Niki. Sehr profan.

Wir versammeln uns am Abend des 20. Dezember im Haus des Penatua. Die Teilnehmer an der Weihnachtsfeier treffen nur ganz allmählich ein. Es dauert Stunden, bis alle anwesend sind. Erst nachdem die mitgebrachten Gerichte und Leckereien überprüft und zusammengestellt sind, brechen wir zum Ort der Festlichkeit auf.
Seit Stunden ist es dunkel. Eine Vollmondnacht. Ein überwältigender Sternenhimmel unter dem Kreuz des Südens. Silberhelles Licht.
Bevor wir uns auf den Weg machen, spricht Cornelis Be`is ein kurzes Gebet.
Abraham Sakan und die Haushalte von Mnela Bubun feiern das Weihnachtsfest im Haus von Stefanus Be`is. Sein Haus liegt hoch oben am Hang. Weihnachten feiern sie seit fünf Jahren gemeinsam. Die Familien aus Mnela Bubun. Abwechselnd laden sie sich jährlich ein.
Nach Besatoko steigt der Weg einen halben Kilometer stetig bergan.
Endlich treffen wir bei Stefanus Be`is ein. Stefanus hat über dem Hauseingang den bei Feierlichkeiten üblichen Boneo errichtet. Eine mit den gefiederten Wedeln der Kokospalme eingezäunte Veranda.
Wir betreten das Haus durch diese Einfriedung und kommen in den vorderen Raum des Hauses, in dessen Zentrum uns der Weihnachtsbaum empfängt. Kein Baum. Und erst recht keine Tanne. Ein Pohon Terang à la Amanuban. Ein Gesteckt aus den Zweigen des Ayo`. Zusätzlich geschmückt mit Palmwedeln. Der Baum steht in einem Gemisch aus Erde und Grassoden. Ein fünfzackiger Stern als Basis. In den fünf Ecken des Stern stehen Kerzen. Während der noch bevorstehenden Upacara Pembakaran Lilin zünden fünf unverheiratete Frauen die Kerzen an. Fünf Jungfrauen. Sie erinnern mich an die wachsamen und unaufmerksamen Jungfrauen der Bibel. Am unteren Ende des Baums sind zwei Figuren aufgestellt, Maria und Josef. Eine Plastikpuppe und einer der aus geschwärztem Holz geschnitzten Männer mit Strohhut. Airport Art, Massenware für Touristen. Überall in Indonesien werden solche angeboten.
Den Baumschmuck bilden von der Spitze nach unten herab gezogene, farbige, zu schmalen Streifen geschnittene Bänder. Es sind aus farbigen Papier hergestellte Girlanden, die wie Kettenglieder ineinander greifen. Am Baum hängen aus Silberpapier hergestellte Kreuze, aus Lontarblättern geflochtene Fisch-, Rind- und Schweinedarstellungen sowie mehrere Ok Tuke. Die Baumspitze besteht aus einem großen silbernen Kreuz, über das eine mit buntem Papier bedeckte Lampe hängt. Während der ganzen Feier wird sie rhythmisch an- und ausgehen und ihr Licht über die Feiernden ausgießen. Am gestrigen Abend hatten die Frauen der feiernden Haushalte diesen, dem europäischen Blick so absonderlich erscheinenden Weihnachtsbaum geschmückt.

Auf dem Boden, rund um diesen so fremd und doch eigenartig vertraut anmutenden Weihnachtsbaum, liegen geflochtene Sitzmatten. An zentraler Stelle, unmittelbar gegenüber dem Weihnachtsbaum, steht ein kleiner Tisch mit Bibel und Kerzenleuchter. Von dort wird der Penatua später die Zeremonie leiten. Cornelis Be`is, klärt man mich auf, wird die Gebete, die Lesung, die Predigt und den Schlusssegen sprechen. Der heimliche Leiter der Feierlichkeiten ist jedoch Julius Kause, Sekretaris Desa des Kantor Camat. Für ihn gibt es einen eigenen Tisch, auf dem Papiere, Schnellhefter und Bücher liegen. Während der Feier dienen sie ihm dazu, die einzelnen Programmpunkte abzulesen und anzusagen. Jede der einzelnen Phasen leitet er mit geschraubten Worten ein. Als Vertreter der Staatsmacht scheint ihm an einem geregelten und ordnungsgemäßen Verlauf selbst dieser privaten Weihnachtsfeier gelegen zu sein.

Die Teilnehmer sitzen auf den Matten entlang der Wände. Von seinem Tisch aus, oder durch den Raum schreitend, kündigt Julius Kause die Programmpunkte an.
Cornelis Be`is übernimmt nun die Rolle es Pelayan. Julius Kause ist Chef des Protokolls. Hochoffiziell in der Rolle des Pengacara.

Die Weihnachtsfeier in Mnela Bubun beginnt mit einer formellen Begrüßung durch den Penatua Cornelis Be`is. Seine Ansprache ist formelhaft komponiert und imitiert die Reden der traditionellen Dichter-Sprecher in den Lebenszyklusritualen. Inhaltlich kündigt sie die Anwesenheit des neugeborenen Heilands an, der gemeinsam mit den Versammelten das Weihnachtsfest feiern wird.
An die Anwesenden gerichtet spricht der Penatua:

Nicht still und heimlich
Kommt unser Vater hierher
Und tritt in unsere Gruppe ein
Hier in Mnela Bubun
Hier nimmt er teil und erfreut uns, zu dieser Zeit, in dieser Nacht
Denn gemäß der Weisung Gottes
Der einen Sohn hat, der durch Maria
Die jungfäuliche Frau
In der Stadt Betlehem geboren wurde
Hat unser Vater heute Nacht
Seinen Wohnort, seinen Palast und sein Haus verlassen
Er ist jetzt mit uns zusammen
Hier in Mnela Bubun
Freut sich mit uns
Wir freuen uns auch
Da er zu uns kommt, zu uns, in dieser Nacht
Sodass wir gedenken, dass wir ein Herz sind
Nicht irgendetwas vortäuschend und nicht eitel
Er mag uns so sehr
Dass er mit uns zusammen ist, mit uns diese Nacht durchwacht
Wir haben nicht irgendwelche Gedanken
Obgleich eine kleine Scheibe Pinang und ein kleines Stück Sirih
Ein Beweis dafür ist
Den er uns allen heute Nacht gibt

Mit einem gemeinsam gesungenen Lied aus dem Knino Le`uf, dem evangelischen Gesangsbuch Amanubans, beendet der Penatua seine einleitenden Worte.

Erst jetzt werde ich vom Penatua als Gast offiziell begrüßt. Wieder spricht er der rituellen Rede nachempfundene Worte und gibt dem Inhalt weihnachtliche Bedeutung. Als er ausgesprochen hat, überreicht er mit einen Mau anah, einen schmalen Schal mit blauweißem Ikatmotiven. Während Cornelis Be`is spricht, kniet eine junge Frau vor mir und hält mir mit beiden, hoch erhobenen Händen den Schal entgegen.
Ikatgemustere Textilien dienen in Amanuban als Gastgeschenke mit denen ein Gast geehrt werden soll. Sie werden von den Frauen des Haushalts als endlose Kette gewebt und symbolisieren Verbundenheit und Zugehörigkeit. Besonders dann, wenn die Kette der Gewebe noch nicht durchtrennt wurde. Die formelle Begrüßung durch den Penatua spiegelt die empfundene Ehre durch meinen Besuch wieder, die dem Haushalt durch meine Anwesenheit zu teil wird.

Der Ablauf der Weihnachsfeier in Mnela Bubun ist sorgfältigt vorbereitet. Julius Kase hat die Programmvorlage und behält den Überblick. Insgesamt siebzehn Programmpunkte hat er auf seiner Liste stehen, die er nun akribisch abarbeitet. Nach Einführungsworten und Eröffnungsgebet, in das meine Begrüßung integriert wurde, folgen die Upacara Selamat durch ein Anak Penginjilan. Zwei gemeinsam gesprochene Gebete, Pujian bersama (N.R. Nomor 39 ayat 1 dan 2) sowie Panggilan berbakti (Bersahut – sahutan Mazmur 24:1-10).

Es folgen Lieder und Gebete, verschiedene Ansprachen, alle in der Landessprache, dem Uab Meto vorgetragen, die ich nur unvollständig verstehe.

Es folgt die Acara Kebaktian und anschließend das Votum / Salam, darauf dann ein weiteres Pujian bersama (N.J. Nomor 183 ayat 1 dan 2).

Jetzt trägt ein anderes Anak Penginjilan die Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas (Berita natal) vor.
Erst daran anschließend werden die Kerzen an der Basis des Weihnachsbaums feierlich entzündet (Upacara Pembakaran Lilin).

Das Entzünden der Kerzen auf dem fünfzackigen Stern an der Basis des Weihnachsbaums stellt den feierlichen Höhepunkt der Zeremonie dar. Während alle elektrischen Lampen ausgeschaltet werden, versammelen sich die Teilnehmer um den Baum. Malam kudus singend, betreten fünf Kinder den Raum und entzünden zuerst die fünf Kerzen an der Basis des Weinachtsbaums und dann nacheinander die im Baum befestigten Kerzen und Wunderkerzen.

Es folgt die Ceritra natal und anschließend der Persembahan / Permainan natal (Drama).

Zwischendurch rezitiert Cornelis Be`is in beredten Gesten die Weihnachtsgeschichte.

Dann folgt Istirahat.

Währenddessen tragen Frauen Teller mit Gebäck und fritierten Bananen sowie Gläser mit süßem Tee zu den Teilnehmern. Sie stellen das Essen vor sie auf die Lontarmatten. Der Weihnachtsgeschichte lauschend oder in kleinen Gruppen ins Gespräch vertieft, essen wir gemeinsam. Diese Mahl erinnert an den Brauch geehrten Gästen, dem anwesend gedachten Jesuskind, eine adatgemäßes Mahlzeit zu servieren.

Weihnachsfeiern in den Städten unterscheiden sich in ihrer Liturgie nicht von der im dörflichen Mnela Bubun. Auch endet die Feier mit dem gemeinsamen Essen, dass allerdings aufwändiger und reichhaltiger ist. Am Ende der Zeremonie begeben sich die Feiernden in eines der hinteren Zimmer im Haus. Dort ist ein Büfet vorbereitet mit Reis, verschieden zubereitetem Schweinefleisch, Gemüse und Krupuk. Nach Alter und sozialer Stellung geordnet, begeben sich die Teilnehmer einzeln und nacheinander nach hinten, um sich ihr Essen zu holen, das sie draußen auf ihren Plätzen verzehren.

Nach dem Essen folgt das Pesan natal.
Ein gemeinsam gesprochenes Gebet – Pujian bersama – Nama Yesus terus bersuara Nomor 169.

Den Abschluss der Weihnachsfeier bildet das Kata penututp, das in Mnela Bubn Julius Kase spricht.

Abschließend das übliche berjabatan tangan, bei dem sich die Teilnehmer zum Abschied an den Händen fassen.

Der offizielle Teil der Weihnachtsfeier ist mit den rituell gesprochenen, schließenden Worten beendet. Zur Unterhaltung der Gäste veranstaltet der Hausherr ein Bibelquiz. Fragen werden gestellt und es geht darum, diese so schnell wie möglich zu beantworten. Ein Wettbewerb bei dem mir jeder im Raum weit überlegen ist.
Die Jugendlichen haben sich in drei Gruppen aufgeteilt. Julius Kause, der Leiter des Quiz, testet ihre Bibelfestigkeit. Nach kurzer Beratung beantwortet einer aus der Gruppe die gestellte Frage. Nach Ablauf der Zeit reicht Julius Kause die Frage an die nächste Gruppe weiter. Am Ende des Quiz erhält jede Gruppe ein kleines Geldgeschenk. Entsprechend der von ihr erreichten Punktzahl.
Die meisten Zeremonien und Rituale, die von der protestantischen Kirche durchgeführt werden, offenbaren schnell ihren indigenen Charakter. Ihr Urspung ist meto, einheimische Tradition. Sie setzen sich aus Elementen der Kultur der Atoin Meto und importierten christlichen Elementen zusammen. Christliche Elemente sind in die einheimischen Rituale, bei einer Heirat oder einem Begräbnis, integriert. Sie ergänzen sich gegenseitig, obwohl Elemente christlicher Liturgie die überlieferten Formen und Überzeugungen zu verdrängen suchen. Auch die Feier des Pohon terang erscheint mir snykretistisch strukturiert.
Die Heirats- und Totenrituale der Atoin Meto sind über die Jahrhunderte hinweg gewachsen und haben sich nur allmählich gewandelt. Erst der Einfluss der beiden christlichen Kirchen hat diesen Wandel beschleunigt. Während die Lebenszyklusrituale die Mischung abendländischer und indigener Kultur ungeschmickt zeigen, wirkt die um den Weihnachtsbaum stattfindende Zeremonie fremd und exotisch, in ihrem unverblühmten Amerikanismus deplaziert.
Trotzem ist der Baum und die mit ihm verbundene Symbolik für die Atoin Meto in jeder Konsequenz autochthon und vertraut. So neu wie sie in ihrer Symbolik daherkommt, und wie der oberflächliche Eindruck suggeriert, ist sie nicht.
Die indigene Religion der Atoin Meto ist eine Religiosität des Baums und des Stein. Hau Le`uf ma faut le`uf, christlich interpretiert, heiliger Baum und heiliger Stein. Etwas das le`u ist, ist aber nicht heilig im christlichen Sinne. Le`u bezeichnet die numinose Sphäre des Übergangs, ist liminal, und offenbart sich dem Menschen im Bewusstsein religiöser Ergriffenhet. Symbol dieser Sphäre ist der tola, der Baumstamm, der einst mit seinen zum Himmel gereckten Wurzeln, die kosmischen Sphären des Himmels und der Erde verband. An der Basis dieser Weltenachse lag einst ein Stein.

Der Weltenbaum als Weihnachtsbaum. Im bunten Gewand des Hofnarren ist das Bild des tola auf der Weihnachtsfeier in Mnela Bubun öffentlich präsent.
Den Stein, das zweite zentrale Symbol autochthoner Religiosität, findet man im modernen Amanuban nur noch im kulturellen Untergrund. Immer wieder taucht er in den Lebenszyklusritualen auf, in verschworener Atmosphäre, und ist für nur kurze Momente öffentlich. Auch auf der Weihnachtsfeier in Mnela Bubun sehe ich den Stein, als der alte Be`is plötzlich in seine Tasche greift und mir lächelnd eine schwere Steinkugel in die Hand drückt. Ein faut le`u, ein Le`u-Stein, der in Amanuban als Hinterlassenschaft der Ahnen gilt. Solche Steine werden in den Familien aufbewahrt und es heißt von ihnen, dass Unglück, Hunger und Krankheit über Haus und Familie kommt, wenn er nicht geehrt und bewahrt wird.
Eine christliche Weihnachtsfeier angesichts von Holz und Stein. Wie es sich seit alters her in Amanuban gehört. In wie vielen Taschen tragen die Anwesenden heute ihren faut le`u bei sich?
Holz und Stein wecken die eine Erinnerung. Aber auch die anscheinend christliche Liturgie ist indigen strukturiert. Die Feierenden bilden eine durch ökonomische, soziale und rituelle Beziehungen miteinander verbundene und kooperierende Gruppe.
Gemeinsam sitzen sie dabei auf der Erde und feiern das Weihnachtsfest.
Wie seit alten Zeiten spricht der Penatua, das Eröffnungs- und Schlussgebet, das Weg öffnet und die Tür schließt, und das schon immer jedes Ritual rahmt.
Gemeinsam essen sie die vorbereiteten Gaben, die symbolischen Opfer in einem christlichen Ritual.
Die Weihnachtfeier in Mnela Bubun ist eine christliche Zeremonie. Niemand sagt etwas Anderes und Anklänge an die alten, heidnischen Zeiten werden nur von den Alten wahrgenommen. Meine Fragen und Kommentare werden lächelnd entgegengenommen. Antworten bekomme ich keine, nur den einen oder anderen verschwörerischen Blick. Daran ändert auch der eine oder andere eingeschmuggelte faut le`u nichts.
Die Weihnachtsfeier in Mnela Bubun wird auch anderswo in Amanuban so zelebriert. Die protestantische Kirche gibt den Ton an. Symbolik, Liturgie und Inhalte der Lieder, Gebete und Geschichten sind ein Reflex auf die christlich-abendländische Tradition. Die Atoin Meto seit Jahrzehnten gläubige Christen und, der eine oder andere noch, Heide im Sinne des intoleranten Christentums. Der faut le`u des alten Be`is ist nostalgische Attitüde, offiziell als heidnisch verurteilt, inoffiziell als volktümlicher Aberglaube betrachtet. Die beiden christlichen Kirchen Timors wissen genau, dass sie Toleranz leisten können, denn ihre Position kann von der überlieferten Religiosität der Atoin Meto nicht mehr erschüttert werden. Traditionalisten versammeln sich in Amanuban in einem schwer fassbaren Untergrund. Aber die christlichen Kirchen werden sich gefallen lassen müssen, dass dieser religiöse Untergrund unkontrollierbar auf die Amtskirche einwirkt und eine synkretistische Timorkirche schaffen wird. In dieser verschmelzen christliches und indigen-religiöses Gedankengut miteinander. Die entstehende Synthese geht aber zu Lasten der indigenen Religion. In Timor entsteht ein Christentum, durchsetzt mit volkstümlichen Überzeugungen und Praktiken.

Die Weihnachsfeier in Mnela Bubun oder anderswo in Amanuban unterscheidet sich oberflächlich nur unwesentlich von ihrem, von Missionaren importierten Vorbild. Weihnachten in Timor ist das exotischste Ritual an dem ich teilgenommen habe. Die Zeremonie des Pohon terang wirkt auf mich aufgesetzt. In Europa findet man keine Weinachtsfeier, die im Kreis von Nachbarschaften gemeinsam gefeiert wird. Dieser Aspekt ist charakteristisch für die Verhältnisse in Amanuban. Oberflächlich betrachtet ist die Symbolik, der Inhalt sowie die liturgischen Bezüge abendländischer Tradition entlehnt, gemischt mit amerikanisierter Ästhetik, die sich auch in Europa durchgesetzt hat. Doch von diesen Dingen weiß hier niemand und so trübt nichts die naive Version ihrer Weihnacht. Dennoch zeugt die Durchführung der Weihnachtsfeier in Mnela Bubun vom Ernst der Akteure, die sich mit dem Geschehen identifizieren. Auch wenn die abendländische Tradition des Christentums die Feier dominiert, atmet die Feier selbst ostindonesische Atmosphäre. Kognitiv und emotional.
Die Christianisierung der Atoin Meto in Amanuban ist abgeschlossen, auch wenn das Christentum in Amanuban ein anderes ist als in Europa.
Uis Neno, dem Himmel, sei Dank!
Weihnachten zeigt es sich. Für das tägliche Leben der Atoin Meto stellt das Christentum die prominenteste religiöse Orientierung dar. Dennoch drängen immer wieder Spuren der dahinter lauernden indigenen Überzeugungen an die Oberfläche, auch, wie ich erleben konnte, im städtischen Milieu der Lehrer- und Beamtenschaft in der Provinzhauptstadt So`e.

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