Blatt Fünf: Bali

8. Oktober – 8. November 1990

Wayan bleibt dabei. Für ihn sind wir Touristen. Er kann sich unser Timorprojekt nicht wirklich vorstellen. Zu sehr behindert ihn sein ethnisches Vorurteil. Timor bedeutet für ihn primitiv, rückständig, unzivilisiert. Und tut er, was er immer tut. Er informiert uns über Events und Sehenswürdigkeiten. Spielt Gastgeber und Reiseführer. Schon zwei Tage im Voraus berichtet er von einer bevorstehenden Verbrennung. Ein Ksyatria wird verbrannt. Kriegerkaste. Ein Begräbnisturm in Gestalt eines weißen Stiers wird in der Balai Banjar von Peliatan Tengah hergerichtet.

Nachmittags am Balai Banjar sehen wir, dass die Arbeiten am Lembu, der den Leichnahm des Verstorbenen aufnehmen soll, schon abgeschlossen sind. Der Stier ist nicht sehr groß, auch nicht beeindruckend. Ich habe Fotos von Stieren gesehen, die die dreifache Größe hatten.

Am Morgen der Verbrennung drängt uns Wayan um 12 Uhr Mittags am Balai Banjar zu sein. Fühle mich unwohl bei dem Gedanken, dort Touristenscharen aus ganz Bali anzutreffen. Denke an Plakate mit der Ankündigung: Tomorow Cremation! Denke an Busse mit Ladungen voll von gaffenden und ihre Kameras zückenden Westlern. Ich ignoriere Wayans Drängen und wir beschließen nicht zu gehen.

Gegen drei auf dem Weg zu Wayan Sarna. Konversation. Die Hauptstraße nach Ubud, die durch Peliatan und am Balai Banjar vorbeiführt, ist völlig verstopft. Wie geahnt verstopfen parkende und ankommende Busse die Straße. Überall laufen Touristen herum, respektlos, pietätlos und deplaziert. Wie Aas die Fliegen hat sie die Verbrennung angelockt. Wie Aasgeier belagern sie sensationslüstern den Tod, dem sie in ihrer Heimat so geflissentlich auszuweichen verstehen. Begierig auf Exotisches hängen sie am Balai Banjar und an den Straßenrändern herum. Niemand ist dem Anlass entsprechend gekleidet. In Shorts, Unterhemden, mit nacktem Oberkörper, behängt Fotoapparaten und Videokameras, groteske Hüte auf den Köpfen, mit dunklen spiegelnden Sonnenbrillen geben sie dem Verstorbenen die letzte Ehre.

Ein peinlicher Anblick, den ich schnell hinter mir zurücklasse. Ich bin mit mir zufrieden. Die Situation richtig eingeschätzt zu haben, empfinde ich Stolz über meine fortschreitende Akkulturation. Dieses Mal nicht der lästige, eher geduldete und wenn nur irgendmöglich ignorierte Tourist zu sein. Heidrun und Kassandra, die dem Treiben aus der Nähe zuschauten, erzählten später Peinliches. Von Touristen, die sich störend und rücksichtslos in Szene setzten.

Wie vor fünf Jahren sind wir auch jetzt wieder zum Galungan in Bali. Dem Tempelfest der Tempelfeste. Jede einzelne Pura in Bali hat ihren Odalan, an dem ein Banjar, Dadia oder Desa den Jahrestag einer bestimmten Pura feiert. Der Galungan dagegen ist ein zweiwöchiges pan-balisches Fest. Im Galungan feiert Bali jedes Jahr die Befreiung ihrer religiösen Zeremonien und ihres Glaubens an Sang Hyang Widi. Zur Zeit des legendären Königs Bedahulus war es in Bali verboten Sang Hyang Widi als einzigen Gott zu verehren. Bedahulus König verlangte vom Volk Götzen- und Dämonendienste. Um Sang Hyang Widi heimlich zu verehren ersannen die Balier eine List. Vor dem Eingang eines jeden Hofs errichteten sie einen schlanken, die Höfe weit überragenden Mast, dessen oberer Teil sich halbkreisförmig zur Erde neigte. Den mit Geflechten verzierten Mast behängten sie als Danksagung an Sang Hyang Widi und ihre Ahnen für ein gutes landwirtschaftliches Jahr symbolisch mit den Gaben der Natur und den Früchten ihrer Feldarbeit wie. Reis, Kokosnuß und Blüten. Zur Erinnerung an dieses Ereignis feiern die Balier bis heute jedes Jahr Galungan und errichten hohe und schlanke Bambusmasten des Erntedanks. Wayan, touristisch bemüht, vergleicht den Hari Raya Galungan mit Weihnachten.

Die Tage des Galungan versetzen Bali in eine feierliche Stimmung, die mich wirklich an Weihnachten erinnert. Die Straßen, die Alltags in einer hektischen Betriebsamkeit versinken sind wie leergefegt. Die Höfe sind sorgfältig gesäubert und alle mit traditionellen Galungan-Masten geschmückt. In den Eingänge in die Höfe, bei den Tempeln und die Schreinen häufen sich die Gaben. Ganz Bali trägt Festtagsgewand. Die Straßen füllen sich immer wieder mit festlich gekleideten und geschmückten Menschen. Frauen und beinahe erwachsene Mädchen tragen turmhoch aufgebaute Opfergaben in die vielen Puras.

Galungan wäre kein hoher Feiertag ohne das für hohe Feiertage bestimmte Lawar. Die Zutaten für dieses Mahl werden an den beiden Tagen vor Galungan zubereitet. Zwei Tage vor Galungan wird gebacken, am Tag vor Galungan bereitet man das Schweinefleisch für das Lawar vor und stellt blutwurstähnliche Würste in Schweinedarm her.

Mitten in der Nacht ruft der Kulkul die Männer eines jeden Banjars zum Schlachten der Schweine zusammen. In Peliatian schlachteten die Männer benachtbarter Gehöfte die Schweine gemeinsam. Erst mit dem Morgengrauen endet diese Arbeit und die Männer gehen nach Hause. Ein Zugeständnis an das heiße Klima der Tropen. Beginnt der Tag muss die Fleischzubereitung abgeschlossen sein damit das Fleisch frisch gegessen werden kann. Wayan läd mich ein ihn zu begleiten. Er versprach mich gegen zwei Uhr zu wecken um mich zum Nachbarhof mitzunehmen. Innerlich abgeneigt und zwiespältig siegte zulässt Neugier an diesem blutigen Unternehmen teilzunehmen und ich sagte zu. Ich schlief in dieser Nacht tief und fest bis zum nächsten Morgen. Wayan weckte mich nicht. Am nächsten Morgen erwähnte Wayan das Schlachten mit keinem Wort. Ich fragte mich, ob ich einem erneuten Missverständnis oder schlicht omong kosong zum Opfer gefallen war. Wayan darauf anzusprechen schenkte ich mir. Zu viel Verlegenheit und Gesichtsverlust wäre die Folge gewesen. Ich war enttäuscht, hatte ich meine Scheu vor Blut und sterbenden Schweinen doch mutig aber nutzlos überwunden.

Lawar ist das traditionelle Festessen der Balier. Lawar wird mit Gemüse, Nangka, Kokosnuß, Fleisch, Blut und Gewürzen zubereitet und in vielen verschiedenen Variation aufgetischt. Das Fleisch und die Gemüse werden in kleinste Teile geschnitten, die Kokosnuß geraspelt. Die Zutaten werden gemischt und gekocht. Gegessen wird Lawar mit dem in Bali unvermeidlichen Nasi putih und mit Chili. Eine besondere Spezialität, für westliche Mägen angeblich unverträglich, ist das mit frischem Schweinefleisch vermischte Lawar.

Wayan und Siti laden uns offiziell zum Essen ein. Es gibt Lawar, was sonst. Schon Tage vorher kündigte Wayan diese Einladung für seine Gäste an. Ein gemeinsames Essen zum Galungan. Balier haben zum Essen eine völlig andere Beziehung als wir Deutsche. Auch misst er dem Essen eine ganz andere Bedeutung bei. Fühlen wir uns unwohl, wenn wir alleine essen, besonders an Feiertagen, gelten in Bali andere Regeln. Das gemeinsame Galungan-Essen in Sitis Homestay illustriert diesen Unterschied.

Morgens gegen zehn Uhr ist das Galungan-Essen fertig zubereitet und jeder geht in die Küche und kommt mit einem Teller voll mit Reis und Lawar kurz darauf wieder heraus. Jeder setzt sich dann allein irgendwo auf die Stufen eines Balais und bringt das Festessen auf die Schnelle hinter sich. Dem einsamen Essen haftet etwas Heimliches an, ein Geruch von Peinlichkeit, den ich in Indonesien schon oft beobachtet habe. Am Warung, an dem der Esser vorgebeugt sitzt, mit Oberkörper und Armen seine Mahlzeit verbirgt und diese hastig verschlingt. Immer wieder habe ich über die Schnelligkeit gestaunt, mit der ein Balier seinen hoch aufgehäuften Teller Reis essen kann. Es dauert nur Minuten und der Teller ist geleert.

Für uns Gäste ist der Tisch zu Galungan in Sitis Homestay reich gedeckt. Von einem gemeinsamen Essen zu sprechen, ist übertrieben. Kein Zeitpunkt wurde vereinbart, niemand isst gemeinsam und die Familie bekommen wir nicht zu Gesicht. Wayan spielt den Animateur. Irgendwann setzt er sich allein an einen der Tische und isst.

Am Abend des Galungan besuchen wir eine Tanzperformance im Banjar von Peliatian Tengah. Legong Semara Madya tritt auf, eine professionelle Gruppe. Das Programm umfasst die üblichen Tänze. Legong-Variationen. Gabor/Pendet zur Einleitung, ein Baris, ein Legong Keraton, Taruna Jaya, Oleg Tambulilingan und zum Abschluss einen Jauk-Tanz. Kassandra ist wieder voll dabei.Begeistert und fasziniert von den Bewegungen der Tänzer und den Klängen des Gamelanorchesters. Und die Tänzer sind wirklich gut. Durch und durch professionelle Darbietung. Tänzerischer Höhepunkt, der Baris. Mit diesem Tanz hat Kassandra ein Problem. Sie kann die weit aufgerissenen und rollenden Augen des sehr jungen Tänzers nicht ertragen. Sie schwankt zwischen Faszination und Schrecken, schaut hin und versteckt dann ihr Gesicht in meiner Schulter. Will dass der Tanz endet und will gleichzeitig mehr. Erst als zwei Drittel der Veranstaltung vorüber war, ist Kassandra müde, übersättigt und will nach Hause. Der Höhepunkt war vorbei.

Auf dem Rückweg ins Losmen bemerke ich, dass ich Fieber habe und krank bin. Schon seit einigenTagen geht es mir nicht gut. Ich bin schneller erschöpft als üblich undh habe Krämpfe in Armen und Beinen. Da die Krämpfe nach ein paar Tagen Rehydrationstrunk nicht verschwinden kann die Ursache kein Salzmangel sein. Und nun das Fieber. Ich gehe aber erst Tage später zum Arzt, der eine Erkältung diagnostiziert. Antibiotikum lautet seine Therapie. Nicht überzeugend, finde ich. Ich warte ab und die Beschwerden verschwinden Tage später von selbst. Antibiotika sind heute bei Balis Ärzten der dernier cri der Therapie.

Eine Hochzeit in der Nachbarschaft. Im Lauf des Tages grenzen Männer vor dem mit Flechtwerk und Blumen geschmückten Eingang einen rechteckigen Teil ab. An dessen oberer Breitseite entsteht ein durch einen Vorhang abgeteilter Raum. Den Grund für diese Arbeiten erfahren wir erst am Abend. Die Musik eines Gamelanorchesters lockt uns nach draußen. Um den abgetrennten Raum sowie auf allen erhöhten Stellen haben sich Menschen versammelt. Durch Schlitze sehen wir, dass sich hinter dem Vorhang Tänzerinnen vorbereiten. Es ist Jogeg-Time. Die im Nachbarhof feiernde Familie lädt zu kurzweiliger Unterhaltung ein. Gleich nachdem kurz wir eintreffen tritt die erste Tänzerin auf. Einleitende Tanzfiguren, aufreizende Blicke und grazile Bewegungen gipfeln darin, dass sich die Tänzerin einen der zuschauenden Männer auswählt und ihn zum Mittanzen auffordert. Für die anderen ist das ein gewaltiger Spaß. Der Kontrast zwischen der verführenden Tänzerin und der unbeholfen wirkenden Improvisationen des Auserwählten ist köstlich. Die anzüglichen Bewegungen und eindeutig sexuellen Gesten, von der Tänzerin dezent inszeniert tanzt ihr Partner in derber und plumper Weise nach. Die Zuschauer amüsieren sich und spenden begeistert und unter Gelächter Applaus, belohnen den mutigen Mittänzer. Die Tänzerin setzt ihr Spiel fort und fordert nach und nach weitere Männer auf. Damenwahl. Niemand entzieht sich, obwohl die Zuschauer weichen wie eine Welle zurück, wenn die Tänzerin ihr nächstes Opfer anvisiert. Hat die Tänzerin dann einen Mann mit ihrem Fächer berührt, schwappt die Woge des Publikums mit einer einzigen fließenden Bewegung zurück und markiert die Tanzfläche. Wahl des Partners und hin und her des Publikums wechseln sich rhythmisch ab. Stundenlang wird der Jogeg getanzt, ohne das die Begeisterung über die lustigen und anzüglichen Possen bei den Zuschauern erlahmt.

Ein paar Tage später eine weitere Jogeg-Peformance in Peliatians Kino. Mit der vor einigen Tagen gesehen teilt diese höchstens Namen und Reglement. Qualität und Atmosphäre beider Veranstaltungen ist nicht zu vergleichen. Auch der Anlass ist ein anderer. Wie wir jetzt erfahren, gibt es n Peliatan eine Sprachschule. Eine Gruppe Amerikaner hat ihren Bahasa Indonesia-Kurs abgeschlossen. Ihre Abschiedsfeier. Diese erinnert in ihrer steifem Etiquette an den Abschluss einer westlichen Oberschule, an ein Internat vielleicht. Die Sprachschüler in den ersten Reihen des Kinosaals. Den restlichen Raum und die offenen Seiten füllen die indonesischen Zuschauer. Wieder Jogeg-Tänzerinnen. Wieder die gleichen Tanzfiguren. Diesmal sind es die Amerikaner, die die Tänzerin auf die Bühne holt und die ihre Version des balischen Tanzes präsentieren. Der Unterschied ist bemerkenswert. Die Balier, die bei der Hochzeit tanzten, schafften Rhythmus und Bewegung mühelos, wenn auch ungeübt. Die Tanzfiguren zu improvisieren fiel ihnen nicht schwer. Bewegung und Feeling waren stimmig. Die Improvisation der Amerikaner ist eine Mischung aus Disco-Tanz und Ringelreihen. Steife, verkrampfte Bewegungen. Kein Gefühl für die Harmonie der Tanzfiguren. Keiner lässt sich auf die Führung der Vortänzerin ein. Und dann die großen ungelenkten Körper. Gut dass ich kein Amerikaner bin. Und so in Sicherheit. Aber der Saal tobt. Die Zuschauern kommentieren die komischen Verrenkungen der Amerikaner mit feuerndem Applaus und Gelächter. Jogeg-Stimmung kommt nicht auf. Es gibt kein provozierendes Zurückweichen der Zuschauer und nicht die sexuelle Anzüglichkeit, die das Wesen des Jogeg ausmacht. Kastriert erscheint mir der Tanz. Erst als die Tänzerinnen zu später Stunde junge Balier auf die Bühne holen gewinnt der Jogeg etwas von seinem Charakter zurück.

An diesem Abend lerne ich Made kennen. Made Rai Supartha heißt er mit vollem Namen. Aus Cempaka, in der Nähe von Tabanan. Er arbeitet in Denpasar. Was er heute in Peliatan macht, erfahre ich nicht. Auf meine Fragen bleibt er einsilbig. Gibt ausweichende Antworten. Alles beginnt wie üblich. Ein junger Balier spricht mich an, sagt, er wolle mit mir Englisch sprechen. Practise my English. Wir reden über Dies und Das. Small-Talk. Nichts Wesentliches. Als Made erfährt, dass ich Deutscher bin, erzählt er mir, er wolle unbedingt in Deutschland studieren. Deutschland sei seine first choice. Aber heute abend ist Jogeg. Wir verabreden uns für den nächsten Tag. Sonntag.

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