Blatt Dreizehn: Jakarta

4.Dezember 1990

Um zehn Uhr erneut bei LIPI. Da pünktlich viel zu früh. Jam karet gilt hier. Gummi-Zeit. Doch dann ging alles schnell. Die zugesagten Briefe, fünf an der Zahl, waren bereits in Arbeit und sollten in einer halben Stunde fertig sein. Pak Sanjoyo überreichte mir mit seinem breitesten Lächeln die Briefe. Den ersten an mich selbst. Das lang ersehnte und heiß erkämpfte Original meiner Forschungsgenehmigung. Ein weiterer Brief war an den DIJEN SOSPOL, Jakarta, gerichtet und enthielt eine Kopie der Forschungsgenehmigung sowie den wichtigen Surat Jalan. Der dritte Brief war für den Kantor Imigrasi in Kupang gedacht, mit der Bitte von LIPI, mir dort das KIM/S auszuhändigen. Die Bitte, mich von der Ausreisesteuer zu befreien ging an den Kantor Pelayanan in Kupang. Der letzte der Briefe war an meinen Sponsor in Kupang gerichtet, den Kantor Pusat Penelitian und enthielt ebenfalls eine Kopie meiner Forschungsgenehmigung durch LIPI.

Es war vollbracht. Ich hielt die Papiere in der Hand, um ich mich seit einem Jahr bemühte hatte. An die neuen Behördengänge, die in Kupang auf mich zukommen werden, dachte ich im Moment noch nicht. Mir war feierlich zu Mute. In diesem Augenblick lag Jakarta bereits hinter mir. In Gedanken war ich weit entfernt. Ich schwebte.

Nein! Noch bin ich in Jakarta. Weitere Kantore stehen mir bevor. Mein Weg führt mich ins Ministerium für Inneres in die Jl. Merdeka tara, Nr.7. Wieder in Eile durch die heiße Stadt. Die Büros schließen um zwei Uhr und ich will nicht noch einen Tag länger warten. Wieder mit dem Taxi quer durch die Stadt, durch den ständig stockenden Verkehr. Der zuerst unfreundliche Empfang endet im Büro des Dienststellenleiters. Ich überreiche den entsprechenden Brief von LIPI, den mit der Anschrift Direktur Jenderal Sosial Politik. Small-Talk über mein Anliegen. Die nun schon übliche Überprüfung meiner Sprachkenntnisse. Ein Stapel aktueller Tageszeitungen, frittierte Ubi. Kommentar: Davon gibt es auf Timor jede Menge. Dazu süßen Tee. Enak!

Warten. Mehrmals das Büro wechseln. Wieder warten. Die Belohnung für meine Geduld, drei weitere Briefe. Für offizielle Regierungsstellen in Kupang: Das Originalschreiben für mich. Einverständnis des Innenministeriums. Eine Kopie für den Gubenor Daerah Tingkat II, eine weitere für den Pimpinan Undana. Drei Briefe gleichen Inhalts. Die Fotokopie des in Jakarta verbleibenden Originals.

Elfi Erdmann, meine Betreuerin beim DAAD, ist aus dem Urlaub zurück. Jetzt, wo ich alles erledigt habe. Ich erfahre das so nebenbei. Das für zwölf Uhr vereinbarte Treffen platzt. Im Innenministerium dauerte alles länger als erwartet. Zweieinhalb Stunden. Mein zwölf Uhr Cheque-Out im Bloemsteen Hostel ebenfalls geplatzt. Als in in die Jl. Jaksa zurückkomme, ist es zwei Uhr vorbei. Vorwürfe und Anmache. Meine Bemerkung, ich sei im Innenministerium aufgehalten worden, besaß genügend Autorität. Keine Probleme mehr.

Innerhalb von zehn Minuten bin ich aus dem Hostel heraus. Die Verabredung im DAAD auf fünfzehn Uhr verschoben. Noch ein schneller Imbiss, noch eine dieser erfreulichen Käse-Jaffle im Bagus-Restaurant. Jl. Jaksa Ade. Auf Nimmerwiedersehen.

Ein abschließendes Gespräch mit Elfi Erdmann. Ein Telefax nach Bonn ins Hauptbüro mit der Mitteilung, dass die offizielle Prozedur erfolgreich beendet ist. Ich sei im Besitz der notwendigen Papiere. Das Stipendium könne in Kraft treten.

Dabei auch Informationen für Made. Es wird nicht leicht für ihn, ein DAAD-Stipendium zu bekommen. Die Hürden liegen hoch: Eine Anstellung als Dozent; dies nur formell. Eine ihn vorschlagende Universität, eine Prüfungskommision, Sprachkurs und EDV-Kurs. Dauer des Stipendiums, ein Jahr. Verlängerung möglich. Ich selbst habe die Voraussetzungen gerade erfüllt.

Die Einladung im Haus von Elfi Erdmann zu übernachten. Meine letzte Nacht in Jakarta. Von dort könne ich dann ein Taxi zum Flughafen nehmen. Ich zögere. So schlechte Erfahrungen mit dem DAAD. Doch ich nehme an, will sehen, wie deutsche Regierungsangestellte in Jakarta leben. Die Taxi-Kosten scheinen ein angemessener Preis.

Luxuriös, außerordentlich feudal. Villa mit Verande, Swimming-Pool, vier Hausangestellte, Chauffeur mit Wagen, Nachtwächter. Die ganze Atmosphäre, Verhaltensweisen und Gespräche, neo-kolonial. Ich frage mich, warum diese Leute in Indonesien leben, was wolle sie von Land und Leuten die sie ständig herabsetzen und diskriminieren. Sie meckern, bejammern ihre schlechten Erfahrungen. Alles sei rückständig und viel schlechter als in Deutschland. Sie machen keinen wirklichen Versuch sich Indonesien anzupassen. Bahasa Indonesia, bukan. Frönen deutscher Lebensart.

Ein interessanter und kurzweiliger Abend. Weitere Gäste. Ein Musikwissenschaftler auf dem Weg nach Badung. Eine deutsche Krankenschwester und ein deutscher Arzt. Westliche Experten, noch gefragt. Gespräche über dies und das. Ihre Arbeit, ihre Motivation, ihre Schwierigkeiten. Alle klagen über die kultrelle Differenz. Was haben sie bloß erwartet? Sie sind doch nicht zu Hause, Gast im fremden Land. Anpassung, nein Danke! Warum auch?

Trotzdem: Immer noch besser als stundenlang am Flughafen auf den Abflug am nächsten Morgen zu warten. Ein erholsamer Abschluss. Terrasse mit Blick auf die tropische Üppigkeit eines gepflegten Garten. Swimming-Pool. Ich trinke Tee und hänge meinen Gedanken nach. Die letzten Wochen in Jakarta und Singapore ziehen vorüber. Ängste und Stress fallen ab. Im Sonnenuntergang ist der Himmel rot gefärbt, ein mit schmutzigem Grau gemischtes Rot. Der erste Sonnenuntergang, den ich in Jakarta sehe. Großstadtsmog. Lästige Moskitos umschwirren mich. Allgegenwärtig. Die lassen keinen Ort aus. Niemand bleibt verschont, gleichgültig ob er auf der Straße oder in einer Villa lebt.

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