Aufbruch

im September 1990

Der letzte Tag in Kleinenbroich. Die Wohnung ist ausgeräumt, die letzten Dinge in dem kleinen Lieferwagen verstaut. Wir sind bereit. Fahrbereit. Abschied und Aufbruch nach Minden. Von Haustür zu Haustür. Wenig bleibt zurück. In einem Jahr sammelt sich nichts Bleibendes. Keine neuen Freundschaften. Die zuletzt geschlossenen gingen verloren. Nur Kassandra lässt Freunde zurück, mit denen sie gerne und viel zusammen war. Wenig Erinnerungen, schnell verblasst und schnell vergessen. Knapp zwei Jahre ist sie alt. Kleinenbroich – eine weitere Episode in meinem Leben. Unsere Möbel lagern in einer Spedition. Trotzdem eine schöne Zeit – Familienleben. Kassandra im Mittelpunkt. Viel Zeit, viel Freude, viel Gemeinsames.

Nervenaufreibend. Die Fahrt nach Minden unerwünscht. Dunkelheit, strömender Regen. Auf der Autobahn folgt ein Stau dem anderen. Sieben Stunden für 250 Kilometer.

Der Stress der Vorbereitung. Die letzten Wochen in Minden hätten erholsam sein können. Für nichts wirklich Zeit. Ein schlechtes Gewissen, Kassandra zu vernachlässigen. Heidruns Eltern spielen Elternersatz. Hilfsbereit, gastfreundlich, kurz vor der Abreise Unterstützung und Entlastung. Wir wirbeln ihren Alltag durcheinander. Ungewohnt lebhaft ist es geworden. In ihrem Haus.
Kassandra lebt sich schnell ein. Die Großeltern sind eine Attraktion. Immer präsent, immer für sie da. Sie hat schnell verstanden wie sie sie behandeln muss. Bekommt leicht ihren Willen. Genießt den Garten, die Hühner, die Gänse, tobt den ganzen Tag draußen herum. Keine Anzeichen, dass sie ihr gewohntes Leben vermisst. Nichts Sichtbares.

Heidrun und ich versuchen unsere Feldforschung in Westtimor vorzubereiten. Die letzten Wochen. Nichts geht wirklich gut. Viel zu planen, zu organisieren, zu beschaffen. Immer mehr Kompromisse müssen sein. Unmöglichkeiten.

Noch immer keine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung der indonesischen Einwanderungsbehörde. Kantor Imigrasi Jakarta schweigt beharrlich. Mein Sponsor, die Universität Sandelholzinsel – Nusa Cendana – antwortet nicht. Telefonate per Satelit mit Agus Benu, dem Dekan bleiben schwierig. Communication Breakdown.
Mitte September. Noch keine konkrete Antwort auf meine vielne Briefe und Telefonate. Keine Anzeichen, dass die Forschungsgenehmigung rechtzeitig zu eintrifft. Jakarta schweigt. Dann reise ich eben ohne. Die Entscheidung, mit einem Touristenvisum einzureisen. Alles weitere muss ich vor Ort erledigen. Ein Touristenvisum. Kompromiss und Notnagel. Gültigkeit zwei Monate. Die Ausreise ins benachbarte Ausland, um die in Jakarta ausgestellten Visa und Genehmigungen zu aktivieren. Der letzte Versuch in Indonesien verlängerbares Visum in der Bonner Botschaft zu erhalten ist gescheitert. Kein offizielles Telex des Kantor Imigrasi aus Jakarta. Keine verlängerbare Aufenthaltsgenehmigung. Zuerst muss die Forschungsgenehmigung von LIPI vorliegen. Lembaga Ilmu Pengetahun Indonesia, das ist. LIPI schweigt.

Ein weiterer telefonischer Versuch. Gescheitert. Die rigiden Einreisebestimmungen der Indonesier machen mich wahnsinnig. Entnervt und wütend.
Erst eine Woche vor unserer Abreise der ersehnte Brief aus Kupang. Absender Kantor Pendidikan dan Kebudayaan – PDANK. Die Indonesier sind Abkürzungsweltmeister. Die offizielle Einladung der Universitas Nusa Cendana. Agus Benu signalisiert Unterstützung. Meine Forschung in Westtimor. Der Durchbruch, die Voraussetzung für eine Forschungsgenehmigung von LIPI.

Der nächste Versuch eine verlängerbare Einreisegenehmigung zu bekommen. Diesmal: Konsularische Vertretung der Republik Indonesien in Hamburg. Geschafft! Antrag stellen, Einladung vorweisen, Gebühr bezahlen und Visum ist im Pass. Visa Kunjungan Sosial Budaya (SOSBUD). Gültig 35 Tage. Das Wichtigste, in Indonesien verlängerbar. Eine Angelegenheit von zwei Stunden. Damals machte ich mir keine Vorstellung über das Wie.

Es hat begonnen, die Visa in unseren Pässen. Ein Lichtblick nach all dem Stress und den Problemen. Trotzdem sind wir schlecht vorbereitet. Alle Zeit ist aufgebraucht. Aber so ist das immer.
Der Tag vor der Abreise. Kassandra wird krank. Flächig auftretende, kleine rote Pickel auf Bauch und Rücken. Stark gerötetes Genital. Die erste Befürchtung, Scharlach. Ein schneller Arztbesuch am Nachmittag beruhigt, klärt aber nichts. Diagnose, Nahrungsmittelunverträglichkeit. Nichts unmittelbar Bedrohliches, vielleicht allergisch. Unserer Abreise steht bevor. Keine Alternative.
Immer noch Vorbereitungen. Bis spät in die Nacht hinein. Am nächsten Morgen verlassen wir Minden. Für lange Zeit. Keine Gedanken an ein schnelles Zurück. Alle Zelte hinter uns sind abgebrochen.

Das Abenteuer Feldforschung beginnt am 28.September 1990. Um 5 Uhr 45. Mit dem Zug nach Frankfurt. Ziel Flughafen Frankfurt.
Ein anstrengender, stressiger Tag. Keiner, den man sich wünscht. Kein guter Start in eine neue Lebensphase. Kassandras Zustand verschlimmert sich. Sie schläft nicht, isst kaum. Als wir Frankfurt erreichen, ist sie krank und erschöpft. Beklemmung.
Heidrun und Kassandra fliegen mit der MAS nach Kuala Lumpur. Von dort nach Denpasar. Leicht war es nicht, einen Flug zu bekommen. Alles ausgebucht, auf Monate. Ich fliege erst am nächsten Tag. Hinterher, nicht gemeinsam. Nichts zu machen. Ein flüchtiger Abschied. Heidrun und Kassandra verlieren sich im Gedränge des Sicherheitsbereichs des Flughafens.
Für mich beginnt eine nervöse Wartezeit. Mein Flug geht am nächsten Tag. In zwei Tagen sehe ich die beiden wieder. In Kuta, Bali. Das ist der Plan.
Um Zeit zu überbrücken fahre ich zu meiner Mutter nach Eschweiler. Verabschiede mich. Ein paar Stunden nur, kaum Zeit. Am nächsten Morgen, am 29.September 1990, bin ich schon wieder unterwegs. Zurück nach Frankfurt, ungeduldig und nervös. Mein Flug startet planmäßig. Um 17 Uhr 30, nach Denpasar.

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