Blatt Eins: Bali

30. September – 2. Oktober 1990

Der Flug nach Indonesien, ereignislose Stunden. Unruhe und Besorgnis. Heidrun und Kassandra, sind sie in Denpasar? Sind sie gut untergekommen? Geht es Kassandra wieder gut? Fragen, auf die ich erst viel später eine Antwort bekomme.

Ngurah Rai, Flughafen Denpasar. Tuban.
Zweieinhalb Kilometer südlich von Kuta, dreizehn Kilometer südlich von Denpasar. Die Flugbahn bis in die einstigen Magrovensümpfe ausgebaut. Bis ins Meer. Die Flora geschädigt, die Strömungsbedingungen in der Bucht von Tuban verändert.
Trotzdem, Gateway To Paradise. Einfallstor nach Bali. Besonders Südbali. Kuta und Legian bieten Pauschaltourismus. Zwei Millionen Passagiere jährlich. Am International Terminal.
Die Architektur balisch. Nachempfunden. Zweistöckige Gebäude. Flugverkehr auf dreihundert Hektar. McDonald inklusive.
Ngurah Rai ist ein Nationalheld. Am 20. November 1946 hielt er mit wenigen Kämpfern der überlegenen niederländischen Übermacht stand. Ein aussichtloser Kampf. Alle starben in Marga. Ngurah Rai überlebte. Namentlich. In der Erinnerung und als Held.
Von Flughafen mit dem Taxi nach Kuta, zum vereinbarten Treffpunkt. Draußen, vor einem Gatter erwartet mich die Schar der Taxifahrer, Chauffeure, mobiller Zimmerservice. Festpreiscoupons für ein Taxi nach Kuta. Ich gehe an dem Schalter, lasse die Schlange der Vorsichtigen links liegen. Durch das Gatter trete ich unter die Wartenden, die mich in ihre Mitte nehmen und mir ihr Angebot entgegenschreien. Einer lauter als der andere. Ich spreche inzwischen gut genug Bahasa Indonesia um mich auf eine Diskussion einzulassen.
Ich fahre mit einen der nicht ganz legalen Mietwagen in die Stadt. Der Besitzer ein älterer Mann, den sein Sohn begleitet. Der spricht etwas Englisch. Ich erinnere mich an früher. Die drei Kilometer den Strand entlang nach Kuta. Ein schöner Spaziergang. Ohne schweres Gepäck.
Als ich Kuta erreiche, sind Heidrun und Kassandra nicht am vereinbarten Treffpunkt. Die Tourist Information im Zentrum. Ich warte. Die üblichen Gespräche vertreiben die Zeit. Händler, Chauffeure, neugierige Passanten. Alle bieten mir etwas an: Service, Waren, Essen, Unterkunft. Meine Sprachkenntnisse erleichtern den Kontakt. Fühle mich akzeptierter. Kann mich so besser abgrenzen oder einen Small-Talk wagen.
Es soll in Kuta eine weitere Touristen-Information geben. Höre ich von einem der Passanten. Gerade als ich los will, diese zu suchen, sehe ich die beiden, um sich blickend, die Straße herab kommen.
Kassandra, die über Heidruns Rücken aus der Kiepe schaut, ist schrecklich verunstaltet. Das Gesicht geschwollen, mit roten Pickeln und Flecken übersät, die Haut rot und heiß. Sie wirkt erschöpft und müde. Heidrun erzählt, dass sich Kassandras Zustand während des langen Fluges ständig verschlimmert hat. Nicht nur ihr Gesicht, ihr ganzer Körper zeigt die beschriebenen Symptome. Der Flug muss schrecklich gewesen sein. Trotz des Mitleids der Stewardessen und der Mitreisenden, die Möglichstes taten. Anstrengend und nervenaufreibend. Heidrun ist erleichtert, dass ich da bin. Kassandra schafft trotz ihres schlimmen Zustands ein strahlendes Lächeln. Ein Moment der Freude. Ein glückliches Wiedersehen. Mein Magen verkrampft sich, hängt mir schwer im Bauch. Was kommt da auf uns zu?

Unser Treffpunkt eignet sich nicht für längeres Verweilen. Austausch, Krisenplanung, beides muss warten. Zuerst ins Hotel. Wir bekommen kein Taxi und gehen zu Fuß. Schleppen schwitzend die schwere Last. Heidrun Kassandra, ich unser restliches Gepäck. Die Sackkarre, auf die wir eine Kindertrage montierten, hat sie nicht dabei. Wir laufen kilometerweit über Kutas holprige Straßen. Nach einer halben Stunde, die erste Rast. Ein kleines Restaurant am Wegesrand. Essen, Trinken, Reden. Kassandra entdeckt die Aquarien ist amüsiert über die bunten Fische. Ich freue mich über Kassandras Ablenkung, über ihre gute Laune.

Das Hotel macht auf den ersten Blick einen annehmbaren Eindruck. Leider nur auf den ersten Blick und von außen. Doch das bemerke ich erst später. Touristenarchitektur! Traditionelle Architektur auf die Bedürfnisse westlicher Touristen heruntergebrochen. Eine eigenartige Mischung, innen und außen. Fehlinterpretierter Komfort. Das Zimmer, relativ groß, aber viel zu dunkel. Das Doppelbett eine Zumutung, eine Hängematte, die bei jeder Bewegung laut quietscht und knarrt. An ruhigen Schlaf ist nicht zu denken. Die Geräusche, die das Bett macht, lassen Kassandra nicht schlafen, wecken sie mehrmals in der Nacht auf. Sie schläft nur schwer wieder ein, aber das ist bei ihr so. Ihr Rhythmus ist gestört, die Erkrankung, die sechsstündige Zeitverschiebung. Aus dem Gleichgewicht geratener Biorhythmus. Nicht nur bei ihr.
In den ersten Tagen änderte sich Kassandras Zustand nicht. Weder geht es ihr besser, noch verschlechtern sich ihre Beschwerden. Ihr Körper bleibt rot, geschwollen und heiß. Juckreiz setzt ihr zu und nach und nach kratzt sie sich Gesicht und Kopf blutig.
Die in Deutschland verordneten Medikamente zeigen keine Wirkung. Wir erkundigen uns nach ärztlicher Versorgung. Telefonisch erreiche ich ein Krankenhaus. Die wollen einen Arzt vorbeischicken. Die Ärztin, die dann Stunden später kommt, untersucht Kassandra. Sie bestätigte die Diagnose, Nahrungsmittelunverträglichkeit, eine Allergie. Eine genauere Diagnose gibt es nicht. Aber neue Medikamente, die erst Tage später wirken sollen. Bis dahin Juckreiz, aufgekratzte und schorfige Wunden, Hitze und Rötung der Haut. Erst nach Wochen werden die Flecken und Pickel verschwinden. Tage und Nächte in Kuta. Wir wollten abwarten, bis Kassandra gesund ist. Doch das lässt auf sich warten. Unruhe, Schlaflosigkeit, Stress, Sorgen und Vorwürfe. Einige Wochen bleibt uns das erhalten.

Kuta! Einst Leprastation und Sklavenmarkt. Die karge Bodenqualität eignet sich nicht für die Landwirtschaft. Kaum Ertrag. Am Strand treiben Dämonen ihr Unwesen. Immer noch fordern sie ihre Opfer unter den Schwimmern und Surfern. Die Fischer und Schmiede, die den Ort einst bewohnten, bestaunten die halbnackten, ersten Touristen, die sich in der Sonne aalten. Und begriffen ihre Chance. Tourismus. Das Geschäft mit den sonderbaren Fremden. Heute Balidorm. Australisches Mallorca. Unschön, aber zutreffend. So war Kuta schon immer.

Schon 1979, als ich das erste Mal hier strandete. Ein kilometerlanger Bilderbuchstrand mit fantastischen Sonnenuntergängen. Zahllose Kneipen, Bars, Diskotheken und Restaurants. Gastronomie aller Klassen. Surfshops, Nightlife auf Großstadtniveau. Stop-And-Go durch Kutas enge, verstopfte Gassen. Der Ort, schon immer Ziel für Traveller und Pauschaltouristen. Alkohol und Drogen, Prostitution, Kriminalität. All überall Toruristen in den unmöglichsten Outfits. All das ist Kuta. Am Tage und bis spät in die Nacht.
Das wahre Kuta, balisch, findet nur, wer früh am Morgen durch den Ort streift. Scheinbar Ursprünglichkeit. Straßen und Strand werden mit Reisigbesen gekehrt. Frauen legen kunstvoll gestaltete Gaben für die Götter und Geister an Eingängen und Kreuzwegen ab. Blüten und Reis. Spielende und lachende Kinder in den Höfen. Das echte Bali, das mancher Reisende sucht, führt in Kuta ein Schattendasein. Kultur ist in Kuta international.
In Kuta konkurrieren Tempelfeste mit knatterndem Motorenlärm und stinkendem Abgasdunst. Dörfliches Leben im Auge des Orkans, der jeden Mittag über Kuta hereinbricht und sich erst in den frühen Morgenstunden legt.

Ich war zuletzt vor zehn Jahren in Bali. Das letzte Mal in Kuta.
Auf den ersten Blick, keine Veränderung. Der Wandel quantitativ, nicht qualitativ. Alles ist mehr, noch gigantischer, lauter, voller als damals. Ballermann asiatisch. Die gleiche Hektik, der Tag und Nacht nicht endende Lärm, die gleichen schmutzigen Straßen. Allgegenwärtig fliegende Händler, die lästig sind und sich kaum abwimmeln lassen. Die gleichen überhöhten Preise, die gleiche schlechte Qualität. Kuta bietet den ungünstigsten, unvorteilhaftesten Eindruck, den Bali nach beinahe hundert Jahren Tourismus bietet. Abschreckend. Wirklich schön war damals noch der kilometerlange Sandstrand. Schönheit der Landschaft am Rand einer prosperierenden Stadt.
Es war einmal. Das romantische Strandleben. Ich finde den Strand von einer weißen Betonmauer umgeben. Etwa brusthoch. Kuta und seinen Strand trennen eine zweispurige Autostraße auf der ununterbrochen Autos Richtung Legian und zurückfließen. Die Jalan Pantai Kuta. Strandstraße Kuta. Inzwischen zieht sich das Strandleben bis nach Seminyak. Auf der anderen Seite die Hotels und Restaurants.
Schattenlos am Tag, unerträglich heiß. Keine Palmen, kein Gebüsch mehr, was Schatten spendet. Ausgerissen. Aus Angst vor Dieben, die in den Sträuchern lauern könnten. Dafür endloser Sandstrand. Der ist nicht authentisch, sonndern wird mit LKWs angefahren. Ein Paradies für Sonnenanbeter. Hunderte von Badegästen. Ich gehörte nie dazu. Braungebrannte Sufer durchpflügen den Whitewash.
Der Strand ist von fliegenden Händlern bevölkert. Sarongs, Cooldrinks, Zigaretten, Antiquitäten, Ganja. Massagen unterschiedlichster Qualität. Wellness. Nichts Medizinisches. Neuankömmlinge werden umlagert. Deren weiße Haut lockt die Händler wie Licht die Motten. Saisonale Buden mit allem möglichen Krimskrams, Souvenirs, touristischer Bedarf. Improvisierte Restaurants und Konsummöglichkeiten für jeden Geschmack. Es ist eng am Strand von Kuta. Mit genügt ein Blick, bevor ich zurück in die Gassen Kutas flüchte. Erst nach Sonnenuntergang, in der schnell herabsinkenden Dunkelheit, wird Kutas Strand für mich attraktiv.

Legian, benachbart, vor zehn Jahren vom Tourismus kaum berührt. Ich erkenne den Ort nicht mehr wieder. Suche vergeblich in meinen Erinnerungen. Die ruhigen Wege an den Strand. Die kleinen Restaurants mit Bambusterrasse. Die preiswerten und ruhigen Losmen.
Rastlosigkeit, Buisiness-Stimmung. Kuta hat Legian eingeholt und völlig verändert. Ich sehe den Unterschied nicht mehr. Kuta-Legian. Legian-Kuta. Eine Stadt. Nicht äußerlich, nicht im Konsumangebot, nicht in der pseudourbanen Atmosphäre. Zwei Dörfer sind zusammengewachsen. Vereinigung unter dem Diktat des Konsums. Keine Grenze zwischen Kuta und Legian. Wo endet Kuta, wo beginnt Legian? Aber ist das überhaupt wichtig? Vor zehn Jahren fand ich auf Spaziergängen von Kuta nach Legian Entspannung und Abwechslung vom touristischen Mainstream. Jetzt nebelt der ununterbrochene Verkehrsstrom auf der Jalan Legian in beiden Richtungen der neuen Strandpromenade den Strand mit stinkenden Abgasen ein. Die Mauer zwischen Strand und Straße macht den Strand zur befestigen Zone. Gebührenpflichtig natürlich. Der Tourist zahlt unbekümmert für Verkehrslärm, Gestank, Schmutz und Lärmbelästigung. Die Sonnengeilen am Strand stört das nicht.
Kuta stößt mich ab. Es war nie ein gute Platz. Zum Ankommen vielleicht. Flughafennähe.
Wir sind übernächtigt. Unser krankes Kind findet weder Ruhe noch Entspannung. Hektisch, laut und schmutzig. Bali zeigt sich von seiner hässlichen Seite. Kuta provoziert Unzufriedenheit und Enttäuschung, treibt uns auf eine Eskalation zu. Wir wollen schnell fort. Schafft Kassandra, erschöpft wie sie ist, die Abreise? Der Hexenkessel Kuta schafft uns. Wir sehnen uns nach der Harmonie des ländlichen Bali. Nach einen Ort ohne globales Flair, kein Überallort.

Ich fahre nach Denpasar. Auf dem Postamt in Renon noch keines der in Deutschland aufgegebenen Pakete. Entäuscht fahre ich weiter ins Sprachinstitut Sua Bali.
Bahasa Indonesia.
Seit 1945 die Nationalsprache, die zwischen 360 Sprachen und Kulturen vermitteln soll.
162 Millionen Sprecher.
Die meisten Indonesier sind Malaien und Muslime.
Erst kurz bevor die Niederländer gingen, wurde die Bezeichnung Indonesier gebräuchlich. Statt ethnischer und indigener Bezeichnungen. Im Archipel gibt es starke regionale Autonomie- und Sezessionsbestrebungen.
Mit Ibu Mas, der Insitutsinhaberin, habe ich schon vor Wochen korrespondiert. Heute will ich mich anmelden. Erreiche sie nicht, treffe aber freundliche Menschen. Mit denen unterhalte ich mich in einem Gemisch aus Deutsch und Indonesisch. Über Deutschland, den Fall der DDR. Über Fussball. Beckenbauer ist ein Star. Alle kennen ihn. Eine spaßige Konversation, oft missverständlich. Lachen und gute Laune im Schatten vor dem Institut.

Denpasar oder Badung, in Erinnerung an das frühere Fürstentum. Von 1799 bis 1949 war der indonesische Archipel niederländische Kolonie. Auch Bali. Zuerst war es die Vereinigte Ostindische Compagnie. Die ging 1799 in Konkurs. Dann Kolonie der Niederlande. Jetzt eine Provinz Indonesiens.
Um 1900 kooperieren die balischen Fürsten von Gianyar und Karangasem mit der niederländischen Kolonialmacht. Unterwerfungsgesten im Streben nach Handelsprivilegien, politischer Macht und territorialem Einfluss. Ränke und Intrigen wurde geschmiedet. Gegen Badung.
1904 bringen Fischer das vor Sanur gestrandete, chinesische Handelsschiff Sri Kumala auf und beanspruchen das Strandgut für sich. Ein altes Recht. Strandgut ist Freigut. Die Kolonialregierung greift im Interesse der Chinesen ein. Ein Konflikt eskaliert zur kriegerischen Auseinandersetzung. Die Niederländer sehen ihre Chance und setzen ihre militärische Überlegenheit brutal gegen Fischer, Bauern und das Fürstenhaus von Badung ein. Militärische Sanktionen gegen den Palast des Raja von Badung. 1906 sterben im Puputan fast 2000 Menschen im Kugelhagel der europäischen Besatzer. Ritueller Suizid. Ein kollektiver Selbstmord. Ein Massen-Amoklauf. Zu Hunderten laufen Kinder, Frauen und Männer, selbst Greise, in weißer Zeremonialkleidung, in die Mündungsfeuer der Gewehre und Kanonen oder richten ihren magischen Kris gegen sich selbst und nehmen sich das Leben. Vom Bösen gebannte, ekstatische Kris-Tänzer. Barong und Rangda im immerwährenden, mythischen Drama. Ewige Wiederkehr im Lebenslauf.
Genozid? War die Bevökerung Südbalis ein Volk? Eine regionale Bevölkerung! Regiozid!
Ergreifend erinnert Vicki Baum in Liebe und Tod auf Bali an den Puputan von Badung. Ergreifend und romantisch. Ein Stück Kulturgeschichte.
Die niederländische Geschichtsschreibung spricht vom Zwischenfall von Badung. Posthume Veleugnung eines Befreiungskampfes auf der europäischen Seite. Für die Balier der Versuch, die ethnische Identität zu bewahren.
Der Puputan wiederholt sich 1908 in Tabanan und Klungkung. Wie verzweifelt mögen die Balier angesichts der niederländischen Besatzung gewesen sein? Ihr Leben und ihre Kultur als wertlos geworden anzusehen.
Der Puputan ermöglicht den Sterbenden direkten Zugang zur Moksa. Eröffnet ihnen den höchsten Zustand der Erlösung.
Südbali, die letzte freie Provinz ist gefallen. Die Eroberung Südbalis und die Vernichtung der hinduistischen, südbalischen Fürstenhäuser. Danach kontrollieren die Niederländer die ganze Insel.
Ngurah Rai fällt vierzig Jahre später. Ein moderner Puputan, der den von Badung zum Vorbild nahm. Ein mythisches Ereignis. Ein Vorbild für Krieger. Der Einsatz des Lebens für die Freiheit von Heimat und Kultur.
Wieder versuchten die Niederländer in Marga die letzte Befreiung zu verhindern. Die die Fremden noch nie begriffen haben. Moksa.
1949 verlassen die Niederländer nach 450 Jahren den Archipel.
Außer der Erinnerung ist der Palast der Fürsten von Badung, die Puri Pemecutan, geblieben. Wieder aufgebaut. Im Stil des 16. Jahrhunderts. Aber nicht originalgetreu rekonsturiert. Ganz in der Nähe die großen Märkte, Pasar Badung und Pasar Kumbasari, an der Jalan Thamrin Ecke Jalan Hasanudin. Antike und Moderne in guter Nachbarschaft. Der Palast beherbergt eine beeindruckende Lontarblattsammlung, alte Waffen und das ursprüngliche Orchester der Puri, das Gamelan Mas. Und ein Hotel. Das Permucutan Palace Hotel. Stimmungsvoll balisches Ambiente. Abgase und Lärm der Straßen erschweren romantizistischen Genuss. Die Moderne kolportiert die Antike.

Das moderne Denpasar. Die Atmosphäre einer emsigen Provinzstadt. Eine indonesische Metropole auf balischem Niveau.
Fünfhunderttausend Einwohner. Hauptstadt. Handels- und Verwaltungszentrum. Multiethnisch. Menschen aus allen Teilen des Archipels.
Koloniales neben Modernem. Verfall neben Glas und Beton. Dazwischen verstreut, Bali. Immer und immer wieder lugt es aus allen Ritzen hervor. Das Neue, assimilierend, chancenlos aufgesogen.
Denpasar, das wirtschaftliche Zentrum Südbalis. Eine betriebsame und hektische Metropole. Trotzdem. Ein urbaner Schmelztiegel inmitten landwirtschaftlicher und kunsthandwerklicher Aktivität. Denpasar bietet alle Vor- und Nachteile einer asiatischen Großstadt. Großstadt relativ. Die Stadt kann nicht mit südostasiatischen Metropolen, Jakarta, Singapore, Hongkong oder Bangkok, konkurrieren. Auf Bali von vergleichbarer Bedeutung, wirtschaftliches Handelszentrum. Denpasar probt großstädtische Atmosphäre inmitten bäuerlicher Umgebung. Ein weitläufiges Zentrum mit zwei großen, mehrstöckigen Marktgebäuden, mehreren Einkaufszentren, Straßenzug auf Straßenzug. Ein Laden reiht sich an den nächsten. Lebensmittel, Kleidung, Wohnungseinrichtung, Elektronik, Buchhandel, Luxusartikel, Gold- und Silberschmuck, Textilien, Lederartikel, Werkzeuge, Maschinenteile, Motorräder, Autos. Denpasar bietet ein riesiges Konsumangebot feil. In der Jalan Gajah Mada die Marktgebäude, in der Jalan Hasim Nudin konzentrieren sich die Gold- und Silberschmiede und in der Jalan Diponegoro reihen sich die Läden der Lebens- und Gemischtwarenhändler aneinander. Dazwischen die Reisebüros. Zahlreich.
Der Pasar Kusambai, ein mehrstöckiges Marktgebäude, bietet einen Querschnitt durch Balis Kunsthandwerk. Touristisch aufbereitet natürlich. Westlichem Geschmack angepasst. Bali für Anfänger, für Durchreisende. Nichts für Bleibende wie uns. Überhöhte Preise für Pauschaltouristen ohne Zeit. Besucher, die die Mühe scheuen, das Landesinnere zu entdecken. Kurztrips aus dem synthetischen Luxus von Kuta und Sanur.
Jede Hauptgeschäftstraße besitzt mindestens ein Hotel, in der Regel mehrere. Mit wenigen und mit vielen Sternen.
Denpasar-City ist überlaufen. Von Touristen. International. Einzelreisende oder Gruppen mit einheimischem Guide. Im Eiltempo durch Straßen, die Gassen und Märkte. Auf Jagd nach Brauchbarem, besser Exotischem. Andenken für die Heimat, Trophäen einer Reise, Beleg des Dort-Gewesen-Seins. In Denpasar kein Problem. Auf der Jalan Diponegoro, der Jalan Thamrin und der Jalan Gajah Mada häufen sich Warenberge. Läden wie Lagerhallen locken den fremden Vorbeieilenden, fordern auf, einzutreten.
Alle großen Banken Indonesiens haben in Denpasar Niederlassungen. Alle in der Innenstadt. Bankangestellte, Wirtschaftsbosse und Manager residieren in prachtvollen Palästen. Kaum Banken außerhalb Denpasars, nur Money Changer, die fremde Währung in einheimische Rupiah wechseln. Bessere Kurse, Tageskurse, bieten Denpasars Banken.

Seit Jahren steigt die Verkehrsdichte Denpasars kontinuierlich an. Reichtum der Bewohner. Ungebremster und unkontrollierbarer Individualverkehr. Denpasar und ganz Südbali fest im Griff der japanischen Autoindustrie. Ununterbrochen drängt sich lärmend und stinkend der tägliche Autostrom durch die Stadt. Zweiräder und Automobile im Aufwind, des Fußgängers Alptraum. Bürgersteiglose Straßen, defekte Ampelanlagen und fehlende Zebrastreifen machen die Überquerung der Hauptstraßen zu einem Abenteuer. Fünf Minuten, zehn Minuten, ein auf und ab am Straßenrand, bis die Blechlawine eine Lücke öffnet und man unbeschadet die gegenüberliegende Seite erreicht. Restlos überfüllte, überforderte Straßen scheitern an dem hohem Verkehrsaufkommen. Anders als die breiten, meist vierspurigen Straßen Jakartas, verzweifeln Denpasars schmale Straßen an dem wachsenden Verkehr. Zu schnell steigen Wohlstand und Verkehr. Kultureller Wandel und Tourismus.

Der Taman Puputan ist der domierende Platz im Zentraum Denpasars. An seiner östlichen Seite das Musium Bali. Gegründet haben es die Niederländer bereits 1910. Eröffnet erst 1932. Ein Stück Versöhnung grausamer Vernichtung?
Aus dem Norden der Insel kommend eroberte die Kolonialmacht die ganze Insel. Zuletzt Südbali.
Am Ende der Puputan, an den der Platz erinnert.
Gebäude im Stil von Buleleng.
Andere im Stil von Karangasem, heute Amlapura, Ostbali, und Tabanan, Westbali.
Im Bali-Museum in Denpasar vermisse ich ein Gebäude im Badung-Stil. Wo sind die geraubten Schätze des Fürstenhauses von Badung. Die alten Erbstücke der balischen Fürstenhöfe.
Exponate aus drei Regionen Balis. Masken, Krise, Statuen, Wayangfiguren. Stoffe. Hinduistische und buddhistische Bronzen. Sarkophage. Zeremonialgegenstände. Landwirtschaftliche und Haushaltsgeräte. Die Ausstellung reicht vom Neolithikum bis in an den Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts.
Der Museumskomplex kommt mir vor wie eine Mischung aus Palast- und Tempelarchitektur. Pura und Puri. Klassisch. Gespaltenes Tor, Außen- und Innenhof, Pavillion, der Kulkul.

Unkontrolliert überschwemmt die motorisierte Flut die Straßen Südbalis. Bewässerung der besonderen Art. Verstopfte Straßen in Stadt und Dorf. Auch im Landesinneren. Die Anwohneer singen Klagelieder über viele Unfälle. Kinder und Geflügel sterben. Sie kritisieren die ununterbrochene Belästigung durch stinkende und knatternde Motoren, die Lärmbelästigung, die gesundheitlichen Schäden und die sinkende Lebensqualität. Aber jeder der es hat, nutzt es, das Auto, das Motorrad. Geliebt, gepflegt, gehätschelt, eine blinkende, blitzende Maschine, ein Statussymbol von hohem Wert. Der Tourismus hat Bali reich gemacht, nicht besser. Die Lebensqualität der meisten sinkt angesichts steigenden Konsums.

Sua Bali erwartet mich seit Tagen. Ich habe von Deutschland schriftlich angekündigt. Ibu Mas ist nicht im Institut. Ich vereinbare einen neuen Termin. Ketut, ein Sprachschüler, bringt mich auf seinem Motorrad zum Postamt nach Renon. Immer noch kein Paket. Zwei oder drei Tage sollte es bis Denpasar unterwegs sein. So glaubte man in Deutschland.

Mit zu Ketut nach Hause. Er arbeitet im Agung Beach Hotel in Kuta. Zieht seine Dienstuniform an und weiter gehts nach Kuta. Dort treffen wir auf Heidrun und Kassandra. Wir essen in einem der zahllosen Restaurants zu Mittag. Ketut studiert an der Udayana Universität in Denpasar Touristik, arbeitet Nachmittags und Abends im Hotel. Im Sua Bali lernt er Deutsch und Englisch. Er betreut die im Hotel abgestiegenen Touristen. Während des Mittagessens erzählt er von seinen Schwierigkeiten sein Studium zu. Spricht von der Preis- und Verkehrseskalation in Denpasar. Erst in den letzten beiden Jahren.

Zurück aus Denpasar beschließen wir nach Peliatan umzuziehen. Der Süden Balis. Aufs Land, in die Nähe von Ubud.

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