Blatt Vierzehn: Kupang

11. Dezember 1990

Inzwischen sind Tage vergangen. Tage, die schneller verflogen, als gut war. Angefüllt mit Stress, Hektik und Unruhe. Viel war zu regeln, zu beachten, zu ordnen. Ein schöner und harmonischer Abschied von Bali war nicht mehr möglich.

Am fünften Dezember um 6 Uhr morgens flog ich zurück nach Denpasar. Mittags war ich wieder in Ubud. Welche Freude, Kassandra und Heidrun endlich wieder in die Arme schließen zu können. Erleichterung. In Ubud stand alles zum Besten. Keine neuen Probleme warteten auf mich. Die vertraute und geliebte Umgebung. Jakarta hatte ich geschafft und Jakarta mich.

Die beiden letzten Tage in Ubud verbrachten wir mit der Organisation unserer Abreise nach Kupang. Sieben Tage hatte man uns zugestanden. Ich wäre gerne noch ein oder zwei Wochen in Ubud geblieben. Um in Ruhe Abschied zu nehmen. So blieb vieles unerledigt. Auch Made traf ich nicht mehr.
Kassandras Geburtstag. Nachgefeiert. Eine Feier, die für sie aus mitgebrachten Cashew-Nüssen und Kokos-Keksen bestand. Sonst gab es nichts Schönes mehr. Aufbruch und Hektik.

Achter Dezember. Mittag. Abflug nach Kupang. Gemischte Gefühle am Beginn einer neuen Phase. Eine Reise ins Ungewisse. Kupang und Timor sind mir fremd. Im Gegenteil zu Bali, wo ich mich sicher und ungezwungen bewege. Ich weiß die Balier zu nehmen und komme gut mit ihnen aus.
Was steht mir bevor? Worauf habe ich mich eingelassen? Jakarta, ein Vorspiel. Kupang und wer weiß wo in Timor, Ernst des Lebens. Ich besitze keine Vorstellung von dem, was mich auf Timor erwartet. Keine Idee, wo wir leben werden. Kupang wird der Einstieg. Der Starting Point. Ich besitze keine Ortskenntnisse. Nur Angelesenes. Wer weiß, wie verstaubt. Theorie, keine Praxis. Wer weiß, wo meine Forschung stattfindet. Wo wir leben werden. Und mit wem.
Der Sprung ins kalte Wasser, gleich mit Familie. Ich spüre Verantwortung. Schelte mich leichtsinnig. Lampenfieber, beruhige ich mich. Trotzdem ist mir mulmig. Keine Flugzeuge, Artilleriefeuer und schweren Beschuss im Bauch.

Die kleine Merpati-Maschine hebt ab und steigt gleichmäßig auf. Ein letzter Blick auf Bali, das sich langsam entfernt. Bereit zum Flug nach Dili via Kupang. Heidrun und Kassandra sind gut gelaunt und bemerken meine Anspannung nicht. Mit zunehmender Flughöhe löste sich der eiskalte Griff der Verantwortung und ließ meinen Magen frei. Der Einsatz war gemacht, das Flugzeug flog. Rien ne va plus.

Ein kurzer und ereignisloser Flug. Ein Kurzstreckenflug, der reicht, die Zeitung zu lesen. Ankunft in Kupang. Kurz vor unserer Ankunft hatte es geregnet. Es war nass und äußerst schwül. Die Luft nahm den Niederschlag nur langsam auf. Das Gefühl, ich steige in einem mit Wasser gesättigten Schwamm.

Kupang. El Tari-Airport. Ein kleiner Flughafen, ein Dutzend Kilometer außerhalb der Stadt. Eine Ankunftshalle, kaum Nebengebäude, eine kleine Rollbahn. Provinz. Ein Flughafen zweiter Klasse. Am östlichen Ende Nusantaras. Träger für das Gepäck, die eigentlich niemand will oder braucht, verstehen es, sich erfolgreich aufzudrängen. Taxi-Fahrer, notwendiger, da sie die einzige Verbindung nach Kupang darstellen. Flughafenpersonal für die Gepäckabfertigung. Handarbeit, keine automatischen Förderbänder. Die meisten Fluggäste fliegen weiter nach Dili. In Kupang steigt kaum jemand aus.

Die Gepäckabfertigung, langatmig und umständlich. Jeder Coupon wird verglichen und kontrolliert, bevor das Gepäck ausgehändigt wird. Handarbeit eben. Die Abfertigung belebt meine Nervosität wieder, die ich glaubte zurückgelassen zu haben. Ich habe mir in den Kopf gesetzt dem Kantor Imigrasi noch heute unsere Ankunft zu melden. Die KIM/S (Kartu Izin Masuk/Sementara) für Timor zu beantragen. Die in Jakarta gesetzte Frist ist inzwischen um zwei Tage überzogen. Ich hatte inzwischen zu viel Geschichten über indonesische Beamte gehört, die sich in ihrer Autorität nicht akzeptiert fühlen. Wie mögen sie auf unsere Verspätung reagieren.

Kassandra hat der Flug angestrengt. Außerdem muss unser umfangreiches Gepäck untergebracht werden. Hotelwahl per Reiseführer auf die Schnelle. Mit dem Finger auf der Landkarte. Ein Blindflug mit entsprechendem Ergebnis. Entscheidung für das erstbeste. Vorsicht! Keine großen Erwartungen, die enttäuscht werden können.

Die Gepäckabfertigung ist beendet. Den Gepäckträger werden wir nicht los, schaffen aber eins der wenigen Taxis. Endlich ist alles verladen und wir fahren ins ausgewählte Hotel. King Stone in Oesapa, am Rand von Kupang-Stadt.
Eine Fahrt über nasse, schmale Asphaltstraßen. Links und rechts offene, gras- und buschbewachsene Savanne. Eine trockene und steinige Landschaft. Spärlicher Baumbestand, wolkenverhangener Himmel. Aufgrund des gerade erst gefallenen Regens ist es schwül und heiß. Der fünfte Regen in diesem Monat Die Regenzeit hat begonnen, sehr früh in diesem Jahr. Gutes Timing. Herzlich Willkommen auf Timor. Aber für die Insel ein Segen. Kupang saugt den Regen begierig auf, dankt mit frischem Grün. Hellgrüne Triebe an allen Bäumen entlang der Straße.

Im King Stone angekommen, Gepäck ausgeladen, meine Aktentasche genommen und ohne Aufenthalt mit dem gleichen Taxi ins Kantor Imigrasi. Im ert drei Jahre alten, neuen Stadtbezirk Walikota. Schon auf dem Weg dorthin grüßen Plakate von Strassenrand: Wir bauen ein neues, sauberes und sicheres Kupang. Inzwischen war es 12.30 Uhr und ich weiß, dass die Dienstzeit im Kantor Imigrasi Samstags um 13.00 Uhr endet. Schon zu spät? Als ich zehn Minuten später eintraf, war eigentlich schon Feierabend. Niemand will mich mehr sehen. Auf mein hektisches Auftreten hat keiner Lust. Das ist mir sehr recht. Ich habe die Form eingehalten, habe mich sie früh wie möglich gemeldet, mein Anliegen geschildert. Alles andere kann warten. Natürlich weist man mich ab. Ich soll Montag oder Dienstag wiederkommen. Müdes, gelangweiltes Lächeln. Niemanden infiziert meine Hektik. Großzügige Ignoranz. Tidak apa-apa und man schickt mich nach Hause. Hier ist nicht Jakarta. Ich atme durch, bin angekommen. Kupang gefällt mir.

Mit dem Bemo zurück ins King Stone. Die Bemos in Kupang sind fahrende Diskotheken. Hochdekorierte Schaustücke. Trotzdem funktional. Mit denen in Bali nicht vergleichbar. Mehrere Lampen, hinten und vorne am Dach angebracht, eine Informationstafel, die die Fahrtstreckte angibt über der Führerkabine, eine schreiend bunte Lackierung, auf beiden Seiten der Name des Bemos, im Inneren Poster, Reklameaufkleber, christliche oder weltliche Sprücheklopferei. Der größte Unterschied: Laute Musik, ohrenbetäubende, jegliches Gespräch schluckend. Die neuesten Hits. In der hintersten Ecke des Archipels. Laut muss es sein. Gehört werden woll man. Bis nach Jakarta.Hier wind wir. Modern. Mit dabei. Popmusik. Groovy Transport. Die rollende Diskothek. Transport-Service für 200 Rupiah. Jauh-dekat inklusive. In Bali gibt es der Fahrer. Allround-Manf ür alles. Kupangs Bemos bieten mehr. Einen Schaffner, der kassiert, den Passanten das Fahrziel zu zu ruft, um sie zum Mitfahren zu animieren. Der das Ein- und Aussteigen regelt. Eine Selbstverständlichkeit. Bali bietet Festpreise nur für den informierten Passagier, den Einheimischen. In Kupang zahlt jeder das gleiche. Unabhängig von was auch immer. Menschenrechte im lokalen Verkehr. Gleichstellung. Demokratie auf vier Rädern. Niemand käme auf den Gedanken, mehr zu verlangen, als üblich. Keine Diskrimmierung. Mindestens nicht in den Bemos. Ein angenehmer erster Eindruck. Ich fühle mich von Beginn an zugehörig. Habe gleiche Rechte und Pflichten im öffentlichen Nahverkehr. Kupang ist christlich. Die zehn Gebote. Eine vertraute Moral. Das Verbot, fremdes Eigentum zu begehren. Und auch das: Sondertarif für Schüler und Studenten. 150 Rupiah im Kupang-Bemo. Kupang ist Universitätsstadt.

Diese Bemo-Kultur, und dazu gehören auch Busse und Rikschas, hat sich über den ganzen Archipel verbreitet. Soweit ich das beurteilen kann. Der Stil, die Ideologie, der Ehrenkodex, Ausdrucksweise und Verhalten des Personals, die spezifische Art des Transports. Bemos sind überall und überall kann ich ein- und aussteigen. Keine offiziellen Haltestellen. Ein Bemo hält wo der Fahrgast es will. Der Kunde ist König. Ganz unbürokratisch. Diffusionismus? Eine brilliante Idee! Indonesische Mentalität, Basisdemokratisch. Goyong Rotong.
Bemomenschen bilden eine eigene Berufsgruppe mit ausgeprägtem Verhaltenskodex und Normen. Bemofahren ist eine Haltung. Eine ethnologisch-soziologische Studie findet hier ein reichhaltiges und interessantes Feld. Arbeitswelt, Weltanschauung, Berufsethos. Ein brisantes,spannendes Thema zentral im Herz des modernen Indonesiens.

Schneller als erwartet zurück im King Stone. Ein großspurig angelegter Komplex an Zimmern, die wie Perlen an einer Schnur aufgereiht sind. Nicht malerisch oder auf andere Weise schön. Große Veranden vor jedem Zimmer. Restaurant, Diskothek und Bar. Ein hässlicher und steriler Ort. Viel zu teuer. Wir sind die einzigen Gäste. Nach ein paar Stunden wird es langweilig. Kassandra weiß nicht, was sie hier soll.

Am Nachmittag ein Spaziergang ans Meer. Entschädigung für eine falsch getroffene Wahl. Kassandra schaufelt Sand am Strand. Zum ersten Mal sieht sie das Meer das große Wasser. Faszination in einer Muschelscherbe. Sie genießt den Sand nach Herzenslust, durchwühlt ihn, findet noch mehr Muscheln, bunte Steine. Findet heraus, wie sie diese ins Wasser werfen kann. Wie weit und präzise sie wirft.

Wir fallen auf am Strand. Weiße. Europäer kommen heutzutage noch selten nach Timor. Allenfalls Australier in den Ferien. Oder via heimreisende australische Touristen. Inselspringen, des billigen Flugs nach Darwin wegen. Zweimal die Woche fliegt Merpati inzwischen wieder Kupang – Darwin. Das Timor-Problems, der<Befreiungskrieg in Osttimor, kommt allmählich zur Ruhe. Westtimor, der indonesische Teil der Insel, ist erst zwei Jahren für ausländische Besucher geöffnet.
In den nächsten Tagen merken wir häufig, dass wir die Exoten sind, die angefasst, angestarrt und bestaunt werden. Mir ist unangenehm, Zentrum der Aufmerksamkeit zu sein. Kupangs Bevölkerung bestaunt uns. Kinder begleiten uns ganze Wegstrecken lang. Ständig in Diskussionen verwickelt, wir, die unbekannten Wesen. Aliens. Neugier und Interesse. Allerorten Freundlichkeit. Das Gefühl, willkommen zu sein. Die ewig gleichen Fragen, der immer gleich verlaufende Small-Talk strengt an. Wir sind die Gäste, unsere Gastgeber haben ein Recht zu erfahren, wer wir sind und was wir bei ihnen wollen.So ist es!
Small-Talk im Vorübergehen. Ständig Lächeln. Kupang wird uns schnell vertraut. Wir fühlen uns zu Hause. Kassandra ist größte Attraktion. Auf völlig andere Weise als auf Bali. Balier sind distanziert, weitaus zurückhaltender. In Kupang ist man direkt heraus, sucht nähe und Körperkontakt.Berührung ist nicht tabu. Völlig andere Umgangsformen, eine andere Kultur, eine fremde Mentalität. Jetzt verstehe ich, warum man uns in Ubud vor Timor warnte. Vor der Primitivität dort. Verglichen mit der Feinheit Balis wirkt Kupang grob. Angenehm lebendig und menschlich. Nicht diese vornehme, arrogante Zurückhaltung, die schnell überheblich wird.

In Kupang ist man direkt. Offener als auf Bali, wo ein ständiges Lächeln den Blick beherrscht. Die Menschen begegnen uns spontaner. Kein Gefühl von Diskriminierung wie so oft auf Bali. Nicht länger das Gefühl, der leicht ausbeutbare Tourist zu sein, dem alles gegeben wird. Gegen harte Währung. Die zehnjährige Touristenpause, erzwungen durch den Osttimorkonflikt hat den Menschen gut getan. Denke ich. Und bin erleichtert, Mensch unter Mensch zu sein. Einer leidigen Rolle ledig. Herzlichkeit und Offenheit zwischen uns Menschen. Keine Hintergedanken, bei diesem Kontakt etwas außer der Begegnung zu verdienen. Rückblickend denke ich an den Süden Balis. Die Menschen dort sind vom Tourismus verdorben. Und geldgeil.

Kassandra hat Probleme mit den Leuten aus Kupang. Wie diese sie behandeln. In Peliatan und Ubud nahm man sie engagiert, spontan, und motiviert wahr. Initiativ. Neugierig auf ihre Umgebung. Gleichaltrige Kinder in Südbali wirken erheblich jünger als sie. Das lang nicht an ihrer geringeren Körpergröße, sondern an deren ruhigen, zurückhaltenden Art mit der sie auf ihre Umgebung reagierten. Spontanität, Unternehmungslust und Initiative sind keine Verhaltensweisen, die balische Eltern an ihren Kindern schätzen und fördern. In Kupang macht Kassandra eine andere Erfahrung. In Peliatian und Ubud ergriff sie die Initiative, ging auf Menschen und Situationen zu. In Kupang überrennen Kinder und Erwachsene Kassandra. Zwingen unserer Tochter ihr Tempo auf, drängen sie in die Defensive. Kassandra flüchtet vor dieser Aufdringlichkeit regressiv auf unseren Arm oder versteckt sich hinter unserem Rücken. Oft fluchtartig. Anzeichen von Panik im Gesicht, wenn wieder einmal eine größere Gruppe von Halbwüchsigen auf uns zu stürmt. Sie angefasst, gestreichelt oder gezwickt. „Hallo Boss“, die häufige Anrede, mit der man Kassandra anspricht. Blonde Haare, dazu ein kleines Kind. Kasi saya, eine Seltenheit. In Peliatan und Ubud war Kassandra, wo sie auftauchte, schnell der Mittelpunkt. War beliebt und wurde bestaunt. Auf der Straße, auf den Märkten ließ man sie ungeschoren. Niemand überfiel sie dort wie jetzt in Kupangs Straßen.
Kassandra fürchtet diese Direktheit. Mag sie nicht. Hat plötzlich Schwierigkeiten mit den Menschen. Die unablässig auf sie einreden, ihr zu nahe kommen, sie begrabeln. Sie kann die offenen und ungenierten Blicke nicht ertragen, sich nicht gegen diese Begegnungen von Auge und Blick abgrenzen.
Ich genieße diese offene und direkte Freundlichkeit. Den Kontakt auf Augenhöhe. Gemessen an der arroganten Distanziertheit der Balier.

Später Nachmittag. Ein zweiter Spaziergang am Stand. Sofort Kontakt. Die Menschen kommen auf uns zu, lächeln gewinnend. Small-Talk, winken, Zurufe. Die winkende Hand wird nicht erhoben und rhythmisch nach vorne gesenkt. Sie bleibt erhoben, gleichmäßig mit gespreizten Fingern nach rechts und links bewegt. Begleitet von freundlichem Nda! Nda!. Eine einladende Geste. Diese Bewegung der Hand, unser zuwinken, zum Abschied winken, ist hier ein Herbeiwinken. Kassandra versteht diesen Unterschied schnell, begriff ihn schon auf Bali. Lange bevor ich davon Notiz nahm.
Eine junge, ausgesprochen schöne Frau begleitet uns ein Stück. Sie will nichts Bestimmtes von uns. Begleitet uns, um uns in Ruhe anschauen zu können. Als sie sich satt gesehen hat, kehrt sie um.
Ein alter Mann beim Zapfen von Lontarpalmen. Mit zwei zangenartig verbundenen Hölzern presst er die männlichen Blüten aus. Er bietet uns eine Kostprobe des angenehm süßen, klebrigen Saftes an. Seine Geste wirkt selbstverständlich. Bandi nennt er die milchige, honigwasserähnliche Flüssigkeit. Er sammelt den Saft in halbkreisförmigen Behältern, die er aus den Blättern derselben Palme gefaltet hat. Ich erinnere mich an ethnographische Schilderungen. Die Kulturen Timors seien Kulturen der Lontarpalme. Fast alle Gebrauchsgegenstände seien einst von dieser Palme gewonnen worden. Auch Nahrung und Musikinstrumente. Eine materielle Kultur der Lontarpalme. Faszinierend.
Bevor er uns den Saft anbietet, filtert er mit einem pinselartigen, faserigen Stengel Verunreinigungen aus dem Saft. Höflichkeit, die Unsicherheit ist, hält mich davon ab, richtig zuzulangen. So gut schmeckt mir der Trank.

Der erste Eindruck! Entscheidend soll er sein. Sagt man. Mein erster Tag und mein erster Eindruck. Timor gewinnt, überzeugt mich und verscheucht den größten Teil der Unsicherheit und Ängstlichkeit, die mich während des Flugs und in den letzten Tagen auf Bali heimsuchten. Freundliche Menschen. Neugier. Interesse. Ein idyllischer Ort am Strand. Mangrovensümpfe in der Ferne tragen zu einen malerischen Eindruck bei. Buntbemalte Fischerboote laufen in der Abenddämmerung aus. Kleine Hütten. Der Strand mit Lontarpalmen übersät. Die Sonne versinkt feuerrot im westlichen Meer. Idealisierung und Südseeromantik. Ich weiß. Und Gedanken an Joseph Conrad.
Ich vermisse Bali nicht. Verstehe meine Sehnsucht nach dieser Insel plötzlich nicht mehr, die mir in Jakarta zugesetzt hat. Fühle mich wankelmütig. Ein untreuer Liebhaber, der dem nächsten hübschen Gesicht hinterherläuft. Ich werde mich schnell einzugewöhnen. Zuerst in Kupang.

Am nächsten Tag ziehen wir um. Das King Stone liegt außerhalb, am Stadtrand. Auf halbem Weg zum Airport. Außer uns wohnt niemand im King Stone. Die Atmosphäre ist steril und monoton. Auch das freundliche Personal kann uns nicht zurückhalten.
Mich zieht es in die Stadt. Ins Zentrum. Ich weiß nicht, wie lange es dauert, meine Forschung zu organisieren. Keine Ahnung, wo ich meine Untersuchung der traditionellen Tracht und Ikonographie ansiedeln will. Keine Ortskenntnisse. Keine Kontakte. Ich weiß nicht, wie lange ich in Kupang sein werde. Aber ich weiß, ich muss unter Menschen. Müssen wir längere Zeit im Hotel leben, brauche ich eine
andere Umgebung.

Der 9.Dezember vergeht mit der Suche nach einer anderen Unterkunft. Nach mehreren Hotels entscheiden wir uns für das Hotel Susi auf der Jalan. Sumatera. Ein luftiges, großes Zimmer im dritten Stock. Ein großes Fenster mit Meerblick. Und einer großen Terrasse auf der sich eine kühle Brise verirrt. Citynähe und preisgünstig.
Unsere Hotelsuche hat uns Kupang näher gebracht. Das stundenlange Laufen durch die Stadt bringt erste Orientierung. Kupang gefällt uns. Die Stadt ist weitläufig und ausgedehnt. Großzügig angelegt, grün. Nicht die schmutzige, stickige Enge javanischer Städte. Nicht die beängstigende Atmosphäre Denpasars. Ein kleiner, gut überschaubarer Stadtkern. Laden auf Laden reiht sich aneinander. Genau genommen besteht Kupangs Zentrum aus einer einzigen Straße, die parallel zum Strand verläuft. Um den Stadtkern gruppieren sich in lockerer Siedlungsweise Wohnhäuser, Verwaltungen, Banken, Hotels und noch mehr Läden. Viele Schulen: SD, SMP, SMT, drei Universitäten, zwei konfessionelle, eine staatliche mit zwei Zentren. Zur Peripherie lockert die Siedlungsweise auf. Wohnen im Garten.
Nach Osten erstreckt sich Kupang kilometerweit am Strand. Nach Süden in ein mit spärlicher Vegetation bewachsenes, karstiges Hügelland. Walikota Baru.

Von der langen Trockenperiode, die gerade endet, ist nichts mehr zu bemerken. Auf den fallenden Regen reagiert die Vegetation noch zurückhaltend. Der ausgetrocknete Boden saugt den Regen auf wie ein Schwamm. Regen fällt sparsam. Tagelange Pausen. Nicht die Üppigkeit des Monsuns im Westen des Archipels. Noch sehe ich nichts von den schlammigen Wegen, die in der Regenzeit für Timor üblich sein sollen. Noch versickert das Wasser sofort im Boden.

Die Verkehrsdichte Kupangs wirkt provinziell. Nicht annähernd so dicht wie in Denpasar. Kupang gibt sich kleinstädtisch. Beinahe dörflich.
Viele Bemos verkehren auf der immer gleichen Route im Convoy durch die Stadt. Erst am Stadtrand verschwinden sie auf verschiedenen Routen. In der Stadt beschreibt ihr Weg einen Kreis. Vom Terminal, zu ihrem Ziel und zurück zum Terminal. Kleinbusse gehen vom Busterminal nach Camplong, So`e, Niki Niki, Kefamenanu und Atambua. Privatwagen und Motorräder, die auf Bali eine Plage sind, gibt es kaum. In Kupang regiert der öffentliche Nahverkehr konklurrenzlos.

Am 10.Dezember beginnen die Behördengänge. In Jakarta wurde ich verpflichtet, in Kupang fünf Behörden aufzusuchen. Dort meine Ankunft und Anwesenheit zu melden. Empfehlungsscheiben und Legitimationen von LIPI und von Dalam Negeri sind abzugeben.
Der erste Akt. Kantor Imigrasi in Walikota (Jl. Perintis Kemerdakaan). Ich fülle vier Formulare aus. Jedes mit drei Durchschlägen. Vier Formulare pro Person. Immer wieder die gleichen Eintragungen. Eine ermüdende Beschäftigung. Stundenlang. Gegen Mittag ist alles ausgefüllt, unterschrieben und abgegeben. Ich erhalte drei Quittungen. Bezahle 150.000 Rupiah für die drei KIM/S. Soviel Geld habe ich nicht bei mir. Ein Monatslohn eines der Imigrasi-Beamten. Das Ergebnis: ‚Besok tuan datang. Auch gut! Inzwischen bin ich es gewöhnt. Nicht gelingt beim ersten Mal und niemand erwartet, dass es schnell gehen muss. Nur ich. Außerdem soll Heidrun mitkommen. Irgendetwas unterschreiben. Was erfahre ich am nächsten Tag.
Mit dem Bemo zur nächsten Behörde. Zu POLRI. Ich muss mich innerhalb von 24 Stunden bei der örtlichen Polizei anmelden. Meinen Surat Keterangan Jalan vorzeigen, Angeben, wo wir wohnen. Eine Formsache, ein Eintrag auf der Rückseite des Surat Jalan. Alles bequem vor 14.00 Uhr erledigt. Angenehm die Erfahrung. Wie bei POLRI in Jakarta. Schnell und unkompliziert. Eine unbürokratische Abfertigung.
Allerdings, sagt man mir, ist jeder Wohnungswechsel meldepflichtig.

Zurück im King Stone hat Heidrun bereits ausgecheckt. Ich werde auf gepackten Koffern erwartet.
Das nächste Taxi chartern. Mit dem gesamten Hotelpersonal geht es im strömenden Regen nach Kupang. Hotel Susi.
Das gestern gebuchte Hotelzimmer war nicht reserviert und inzwischen an andere Gäste vergeben. Wir akzeptieren für eine Nacht ein teueres und ungünstiges Zimmer. Ein Raum mit Klimaanlage. Die Fenster sind nicht zu öffnen. Die verhasste Klimaanlage ist defekt und der unlüftbare Raum stickig und überhitzt.
Viel Regen. Bummeln in der Stadt und frühe Nachtruhe.

Vormittag. Der 11.Dezember. Wieder mit dem Taxi nach Walikota. Behördenprogramm! Der zweite Besuch im Kantor Imigrasi. Diesmal zu dritt. Erkennungsdienstliche Behandlung. Heidruns Fingerabdrücke werden ebenfalls aufgenommen. Kassandra ist todunglücklich, weil man ihre Fingerabdrücke nicht will. Darum werden unsere Fingerabdrücke in doppelter Ausführung festgehalten. Eine erniedrigende Angelegenheit. Dann Gebühren bezahlen.
Zuletzt fordert der Beamte Passbilder in einem speziellen Format. Von jedem von uns. Da ich diese nicht habe werde ich für den nächsten Tag bestellt. Die Forderungen des Kantor Imigrasi werden unangenehm und lästig.

Im Kantor Imigrasi lerne ich Marto kennen. Marto ist Sprachwissenschaftler. Er erforscht die Schwierigkeiten indonesischer Schüler und Studenten Englisch zu lernen. Daneben unterrichtet er Englisch an der SMA. Marto ist Atoin Meto aus Insana. Ein Freund von Leo Nahak, mit dem ich seit einigen Monaten korrespondiere. Die vielen Erledigungen der letzten Tage haben einen Besuch bei ihm bisher verhindert. Nun wird er wohl durch Marto erfahren, dass ich inzwischen in Kupang angekommen bin.
Marto interessiert mein Forschungsvorhaben. Er hält So`e in Amanuban für einen guten Ausgangspunkt. Er habe gehört, dass es dort unproblematisch sei, ein Haus zu mieten. Er verspricht mich in Uab Meto, der Regionalsprache, zu unterrichten. Dies sei kein Problem. Die Sprache sei einfach. Er kenne viele australische und amerikanische Wissenschaftler, die schon nach zwei bis drei Wochen die Regionalsprache beherrschen. Voraussetzung sei Bahasa Indonesia. Ich glaube, er untertreibt. Stellt höflich und respektvoll alles in ein rosigeres Licht. Eine Erfahrung, die ich immer wieder mache. Die Hilfsbereitschaft geht soweit, dass alles einfacher dargestellt wird. Um mir einen Gefallen zu tun. Probleme verschwinden auch in Indonesien nicht durch Wegreden. Zu oft bin ich inzwischen enttäuscht worden. Selbst dem Magier reicht eine Formel alleine nicht. Er muss Wort und Tat verbinden, will er erfolgreich sein. Aber wer hört nicht gerne den Satz: Alles kein Problem!
Von Marto erfahre ich auch, dass sich Andrew McWilliams in So`e aufhält. Andrew ist ein australischer Anthropologe, der über die regionale Geschichte der Atoin Meto publiziert hat. James Fox hat mich bereits auf ihn hingewiesen und mir geschrieben, dass Andrew in Amanuban in einem landwirtschaftlichen Entwicklungsprojekt arbeitet (Integrated Agricultural Development Projekt).
Für den Nachmittag kündigt Marto seinen Besuch bei uns im Hotel an.

Mittags Passbilder vergrößern. Am Nachmittag Einkäufe. Wir richten uns einen eigenen Haushalt im Hotel ein. Die Restaurants in Kupang sind entweder teuer, schlecht oder verdreckt. Nirgendwo gibt es gutes Essen. Außerdem haben wir kaum noch Geld. Kochen im Hotel, eine annehmbare Alternative. Wir rechnen mit der Großzügigkeit des Indonesiers, der über Ungewohntes meist mit Staunen hinwegsieht. Kein Grund, Schwierigkeiten zu befürchten. Wie anders sind die Dinge doch hier.

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