Die Polarität von Leben und Tod

Le`u nono und Le`u musu in der ethnographischen Literatur

Zwei Termini der religiösen Überzeugungen der Atoin Meto, le`u nono und le`u musu, bilden eine Schüsselfunktion zum Verständnis derjenigen Vorstellungen, die sich die Atoin Meto von ihrer Interaktion mit ihrer Umwelt machen. Beiden Begriffen unterliegt ein Wirklichkeitskonzept, das sich auch in außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen wie Traum, Vsion, Ekstase oder in drogeninduzierten Wahrnehmungen äußert. In Phänomenen also, die sich der konventionellen Interpretation ihrer alltäglichen Erfahrung entziehen.
Nono bezeichnet einen Komplex von Vorstellungen, der sich auf unpersönliche, nicht näher bestimmbare Kräfte oder Mächte bezieht, die Rudolf Otto als numinos charakterisiert hat. Verbunden ist diese Vorstellung mit einem esoterischen Wissen und einem zugeordneten Set von Ritualen zur Handhabung dessen was nono.
Die Namenruppen (kanaf, wie ein Name; Klan) der Atoin Meto zählen Nono-Rituale zu ihren wertvollsten Besitztümern. Andeutungen, von H.G. Schulte Nordholt (1971) sowie schon früher von P. Middelkoop (1963), lassen vermuten, dass das nono einer Lineage (ume) oder einer Namengruppe eng mit deren Siedlungsraum verbunden ist und auf die erste Landnahme eines Gründerahns zurückgeht. Der Glaube an die Wirksamkeit des nono und die Hoffnung, dieses für Individuum und Gemeinschaft nutzbar zu machen spielt eine prominente Rolle in den Phasen des Lebenszyklus. Bestimmte Rituale sind auch dann erforderlich, wenn ein Individuum durch Geburt oder Heirat in das nono einer Lineage oder Namengruppe aufgenommen oder mit dem Tod aus ihm entlassen wird.

Die Interpretation des nono als eine den Objekten und Ereignissen innewohnende metaphysische Substanz, als vitale Lebenskraft (zielestof im Sinne von A. Kruyt, 1906), erscheint fragwürdig. Das mit nono bezeichnete Phänomen weist auf bestimmte affektive Befindlichkeiten (Gefühle) und auf damit zusammenhängende Projektionen hin. Solche Projektionen stellen sich im Zusammenhang mit der Konfrontation mit schwer erklärbaren oder von der alltäglichen Erfahrung und Wahrnehmung abweichenden Objekten und Ereignissen ein. Deutlich wird dies auch darin, dass die Atoin Meto ihre Beziehung zum nono als le`u im Sinne eines Tabu (als numinos) beschreiben.

H.G. Schulte Nordholt definiert in seiner Monographie (1971, 72) nono, und die damit verbundenen Rituale, als die lebenspendende Fruchtbarkeit der Namengruppe. Ähnlich argumentiert auch P. Middelkoop (1963, 21), dem Schulte Nordholt den größten Teil seiner Einsichten verdankt. Middelkoop versteht unter dem nono genannten Konzept die ihm als Fruchtbarkeitsmagie beschriebene le`u nono, die seine Informanten der Kriegs- oder Feindschaftsmagie le`u musu polar gegenüberstellen. Auf diese Weise entsteht ein ritueller Kontrast, den Schulte Nordholt mit folgenden Worten wiedergibt

Le`u nono is used in parallelism with le`u musu (hostility le`u), the former being the secret power of fertility and le`u musu the secret power by means of which one’s enemies may be conquered. Together they make up the two complementary spheres in which the Atoin Meto’s life is set, namely fertility and defence, life and death, peace and war, or, in the Atoin Meto’s own words: ‚mainikin ma manas‘ (coolness and heat).

Unterstellt man die Richtigkeit dieser Information hängt nono mit Wirkungen von Harmonie und Fruchtbarkeit zusammen, die sich belebend und kühlend, lebenspendend und lebensichernd auswirken. Diese Wirkungen entfaltet nono nur in Verbindung mit bestimmten Territorien und sozialen Gruppen, die mit diesen Territorien assoziiert sind (Middelkoop, 1949, 25). Die Sicherung einer ideellen Lebensqualität geht mit der untrennbaren Verbindung von Siedlung (kuan), Lineage und Namengruppe einher. Die Verbindung mit der Eigenschaft le`u macht nono zu einem magisch-numinos Phänomen.

P. Middelkoop bietet für das Phänomen nono eine überraschend eindeutige Etymologie an (1949, 24). Seinem Verständnis nach ist nono alles das, was in Windungen wächst, sich sich windend fortbewegt. Nono ist alles, was in Rundungen verläuft und sich schließlich mit den beiden äußeren Enden wieder berührt. In metaphorischer Perspektive sind Sachverhalte, die diesem Kriterium entsprechen, richtig und in Harmonie.
Der Begriff nono verbindet in seinem Bedeutungsspektrum Vorstellungen von Harmonie, Übereinstimmung und zyklischen Abläufen als wesentlichem Bestandteil sozialen Zusammenlebens.
Im Zusammenhang mit den Ritualen des Lebenszyklus der Atoin Meto gewinnt nono seine herausragende Bedeutung. Die Aufnahme des Neugeborenen, dessen soziale Geburt, erfordert ein Ritual, das den Säugling dem nono präsentiert. Ein soziales Wesen ist der Mensch erst dann, wenn die rituelle Anbindung an die geheime Lebenskraft der Namengruppe vollzogen ist (Middelkoop, 1949, 25). Auf diese Weise entsteht ein lebenslanges Band, das erst im Totenritual wieder aufgelöst wird. Dann ist der Lebenskreis rund, seine äußeren Enden berühren sich. Ein schönes Bild für das individuelle Leben zwischen Geburt und Tod.
Auch für die Braut ist die Aufnahme in das nono der Lineage erforderlich, in die sie einheiratet. Es benötigt auch hier ein gutes Nono (nono leko), da die Heirat sost gar nicht vollzogen wird.

Im Mythenkreis des Sonba`i beendet Kune, der Herr des Bodens und der Frauengeber des Sonba`i, die Allianzbeziehung mit den Worten:

The thread has snapped, I have broken the thread with Thee; the thread of the nono has snapped, the eye of the needle has broken. I shall not attend the marriage ceremonies of Thy children, for that would mean your death and mine (Middelkoop, 1939).

Leben, Fruchtbarkeit und soziale Harmonie sind auf die rituelle Optimierung des nono angewiesen. Das äußert sich auch in dem Sachverhalt, dass die le`u nono in Zeiten des Krieges und der Kopfjagd schläft, deaktiviert ist (Middelkoop, 1963, 21).

Allem Anschein nach handelt es sich bei nono um eine außen wahrgenommene, geheimnisvolle Kraft mit le`u-Qualität. Eine Konzentrierung und Projektion von Libido auf ein bestimmtes Objekt beziehungsweise Ereignis. Diese Kraft wird als lebenschützend und ordnend angesehen. Es ist die Qualität le`u, die dem polaren Zuständen nono und musu zugeordnet ist, die diese Gefühle evoziert, die die Atoin Meto diesen Kräften entgegenbringen:

The word le`u in Timorese points to both the fascinating and the awe-inspiring (das Numinose) as developed in the book of R. Otto (Das Heilige) … it is clear that the Timorese are concious of something invisible behind or in many things of daily realitiy and use, which they indicate by the word le`u (Middelkoop, 1963, 21).

Le`u bezeichnet alles, was die Atoin Meto als außergewöhnlich und furchterregend empfinden. Der Begriff umgrenzt einen Bereich, der als faszinierend und respektgebietend gilt. Diese Besonderheit von Situationen, Personen oder Orten ist kulturspezifisch unstrittig und nicht diskutabel. Sie ist vom Einzelnen nicht beeinflussbar, kontextuell gefährlich, unheimlich oder wohltuend.

Le`u means `holy`, `sacred`, `awe-inspiring`. The sacredness denoted by this word is objective, that is, uninfluenced by man. It is a force which can be dangerous on the one hand, or beneficial on the other (Schulte Nordholt, 1971, 147).

Le`u ist magisch und darum menas, heiß, nicht-alltäglich. Was le`u ist, muss kontrolliert und rituell begrenzt werden. Von allen Objekten und Personen, von der Kategorie le`u insgesamt, gehen magische Kräfte aus. Personen, Gegenstände und Ereignisse, die le`u-infiziert sind, gelten als nuni, verboten (tabu), da sie, in rituell aktiviertem Zustand, Träger unberechenbarer Kräfte sind (Kruyt, 1923, 454; Schulte Nordholt, 1971, 72).

Die polare Beziehung zwischen nono und le`u entspricht den beiden grundlegenden Kategorien der Atoin-Meto-Kultur: manikinmenas, positiv (nono) als kühl-wohltuend, negativ (menas) als heiß-krankmachend und gefährlich für Individuum und Gemeinschaft. Diese polare Klassifikation ist charakteristisch für die alt-indonesischen, proto-malaiischen Kulturen, zu denen die Atoin Meto gehören.
Die Funktion der Rituale der Atoin Meto besteht darin, ein Übermaß an menas zu neutralisieren, abzukühlen. Da dieses Übermaß der Gemeinschaft ernsthaft schadet, kann alles Neue und potentiell Gefährdende (da heiß) erst durch rituelle Abkühlung in das nono von Lineage oder Namengruppe integriert werden.

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